Die deutschen Reichstagswahlen

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Neue Freie Presse, 4. März 1890

(Telegramm der „Neuen Freien Presse“.)

Berlin, 3. März. Nach den Nachmittags vorliegenden Ergebnissen der Stichwahlen erscheinen im Ganzen gewählt: 69 Freisinnige, 10 Demokraten, 37 National-Liberale, 22 Mitglieder der Reichspartei, 64 Conservative, 100 Mitglieder des Centrums, 36 Social-Demokraten, 9 Welfen, 4 Antisemiten. In Rintelen wurde der Antisemit Werner gegen den national-liberalen Candidaten, in Alsfeld der Antisemit Zimmermann gegen den Freisinnigen Dr. v. Kalckstein gewählt. In Siegen wurde Stöcker mit Hilfe der National-Liberalen gegen Träger gewählt. Von Doppelwahlen sind bemerkenswerth die Schorlemer’s in Bochum und Hammsoest, ferner sechs freisinnige Doppelwahlen, indem Forckenbeck, Baumbach, Rickert, Goldschmidt, Träger und Gutfleisch je zweimal gewählt wurden. Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung, die „Post“ und die National-·Zeitung beschuldigen die Freisinnigen, in vielen Wahlkreisen die Verabredungen mit dem Cartell gegen die Social-Demokraten nicht gehalten zu haben, während das Cartell meist den Fressdniigen gegen die Social-Demokraten beigestanden habe. Die freisinnigen Blätter bestreiten Beides.

(Telegramme des Correspondenz-Bureau.)

Berlin, 3. März. Die „Berliner Politischen Nachrichten“ erinnern daran, daß die Deutsch-Freisinnigen, welche die süddeutsche Volkspartei überall energisch unterstützten, als völlig gesinnungsverwandt und zusammenhängend mit derselben bezeichnet werden müssen. Der Grundcharakter der Volkspartei sei bekanntlich antipreußisch, antideutsch und republikanisch. Wer also seine innige Zusammengehörigkeit mit einer Partei von so republikanischem nnd preußenfeindlichem Charakter besonders betone, stehe im denkbar schärfsten Gegensatz zum preußischen Monarchismus. Wer sich der Energie und Kraft, womit Fürst Bismarck die antinationalen und republikanischen Bestrebungen jederzeit bekämpfte, erinnere, werde überzeugt sein müssen, daß das Tagwerk des Reichskanzlers noch nicht vollendet sei.

Dortmund, 3. März. Nach dem Bekanntwerden des Wahlsieges der National-Liberalen entstanden durch Social-Demokraten hervorgerufene Krawalle, welche einen großen Umfang annahmen. Die Polizei, welche mit Steinwürfen angegriffen wurde, mußte von der blanken Waffe Gebrauch machen und verhaftete 30 Personen. Es wurden Gaslaternen und Fensterscheiben zertrümmert. Sämmtliche Gastwirthschaften wurden beim Eintritte der Dunkelheit geschlossen.

Duisburg, 3. März. Von den ultramontanen Wählern war ein Fackelzug zu Ehren Lieber’s vorbereitet. Nach dem Bekanntwerden des Wahlsieges Dr. Hammacher’s (national-liberal) vereinigte sich eine Anzahl von Bürgern, um den Gewählten durch einen Fackelzug zu ehren; dieselben wurden aber überall von gegnerifchen Kundgebungen empfangen, die in Straßenkrawalle ausarteten. Die Polizei war genöthigt, die blanke Waffe zu gebrauchen und mehrere Verhaftungen vorzunehmen.

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