Ehrenmord 1888

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Berliner Gerichtszeitung, 4. März 1890

— Eine Familientragödie, deren Einzelheiten im Dezember des Jahres 1888 alle Kreise der sizilianischen Hauptstadt in die größte Aufregung versetzt hatten, wird dieser Tage vor den Assisen in Palermo ihren gerichtlichen Abschluß finden. Angeklagt des vorsätzlichen Mordes, begangen an dem Lieutenant der Artillerie Giovanni Leoni, sind die Brüder Pietro und Francesco Notarbartolo, Herzöge von Villarosa, sowie ihr Diener Zinnirello der Beihilfe an diesem Morde. Lieutenant Giovanni Leoni liebte die Schwester der beiden Brüder Villarosa und wurde von ihr wieder geliebt. Die Brüder aber hielten Leoni für nicht würdig genug, um zu ihrem erlauchten Geschlecht in verwandtschaftliche Beziehungen zu treten, und warfen einen erbitterten Haß auf ihn. Schon im Herbst 1888 geriet daher einer der Brüder mit Leoni in einen heftigen Streit, der zu einem Duell führte. Leoni wurde leicht verwundet, die beiden Gegner versöhnten sich scheinbar; aber im stillen war der Haß der Villarosa gegen Leoni unvermindert, und das umsomehr, als ihre Mutter das Verhältnis ihrer Tochter zu dem jungen Offizier keineswegs mißbilligte. Auf diese Weise scheint nun in den Herzen der Brüder der furchtbare Plan Wurzel gefaßt zu haben, sich des vermeintlichen unwürdigen Eindringlings in ihre Familie gewaltsam zu entledigen. Am Abend des 30. Dezember 1888 hörte ein Vorübergehender im Hause der Vallarosa einen Schuß fallen, und einige Minuten später erschien die Herzogin von Villarosa und ihr Sohn Pietro, laut um Hilfe rufend, auf dem Balkon. Als man die fest verschlossene Hausthür endlich erbrochen hatte, fand man am Fuß der Treppe die Leiche des Giovanni Leoni. Sofort wurde der Verdacht eines Mordes laut, und als die Thäter beschuldigte man die Brüder Villarosa. Diese dagegen, oder wenigstens der eine von ihnen, Pietro, erklärte, der Bräutigam seiner Schwester habe Selbstmord begangen. Francesco, der andere Bruder, war verschwunden und hat auch bis jetzt noch nicht aufgefunden werden können, so daß gegen ihn in contumaciam verhandelt werden muß. Die Anklage behauptet, Leoni sei zwei Tage vor dem Morde schon einmal von den Brüdern Villarosa in deren Hause überfallen worden; er habe sich damals aber noch durch die Flucht retten können. Pietro di Villarosa hält auch heute noch seine Behauptung aufrecht, Leoni habe durch Selbstmord geendet, und die öffentliche Meinung ist sich keineswegs klar darüber, welches Licht die gerichtliche Verhandlung in die düsteren Geheimnisse dieser blutigen Familientragödie bringen wird. Den Angeklagten stehen zwei der berühmtesten Advokaten Palermos als Verteidiger zur Seite. Die Verhandlungen, welche bereits am Sonnabend begonnen haben, werden voraussichtlich zehn Tage in Anspruch nehmen.

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