Offene Grenzen und Kriminalität

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Einer der wohl häufigsten Einwände gegen offene Grenzen ist der, daß ein starker Anstieg bei Verbrechen zu erwarten sei. Allerdings bemühen sich Vertreter einer solchen These nur selten, sie auch zu belegen. Häufig werden ein paar aktuelle Beispiele von Verbrechen angeführt oder selektiv aus Statistiken Daten ausgewählt. Eine weitere Betrachtung scheint auch kaum nötig, weil die Behauptung sofort von den meisten durchgewunken wird. Mißtrauen gegen Fremdgruppen ist wohl eine Grundkonstante des menschlichen Denkens und überall zu beobachten. Auf einer intuitiven Ebene wird dabei vermutlich so geschlossen: Ich oder Meinesgleichen würden eigentlich gar keine Verbrechen begehen, weshalb diese kaum von „uns“ kommen können. Von den „anderen“ weiß man das nicht so sicher. Wenn es also doch Verbrechen gibt, dann rühren sie wohl daher.

Im folgenden soll als Kontrast der ausführliche und detaillierte Artikel „Debunking the Myth of Immigrant Criminality: Imprisonment Among First- and Second-Generation Young Men“ der vier Autoren Rubén G. Rumbaut, Roberto G. Gonzales, Golnaz Komaie und Charlie V. Morgan aus dem Jahre 2006 besprochen und kommentiert werden, der die Vorstellung von der importierten Kriminalität gehörig durcheinanderwirbelt. Es sei dabei angemerkt, daß der Sachverhalt recht stabil ist und nicht nur für die USA, sondern auch für andere Länder gilt. Um es zudem vorweg zu sagen: die Verneinung einer Behauptung „Einwanderer sind sehr viel krimineller als Inländer“ ist „Einwanderer sind nicht sehr viel krimineller als Inländer“ und nicht „Einwanderer begehen nie Verbrechen, nur Inländer“. Viele Verteidiger von Einwanderung schießen hier übers Ziel hinaus und verheben sich mit dem Versuch, die letztere Aussage zu beweisen, welche aber einfach nur falsch ist. Einwanderer begehen natürlich auch Verbrechen. Insofern muß man sich gar nicht zu einem aussichtslosen Kampf rüsten, jedes Beispiel für Verbrechen von Einwanderern zu bestreiten.

Als das für viele vielleicht verblüffende Resultat für die USA stellt sich heraus: Einwanderer in der ersten Generation sind nicht einfach nur nicht sehr viel krimineller, sondern sogar deutlich weniger kriminell als Inländer. Durch Einwanderung sinkt die Kriminalität also. Hingegen kommt es in der zweiten und dritten Generation zu einem deutlichen Anstieg, sodaß die Kinder und Enkel je nachdem krimineller als der Schnitt der einheimischen Bevölkerung sein können. Vergleicht man bei diesen jedoch ähnliche Gruppen, etwa diejenigen, die eine High School abschließen oder nicht, dann sind auch die Einwanderer der zweiten und dritten Generation fast immer weniger kriminell als ihre Pendants in der einheimischen Bevölkerung.

Bevor der Gegner von offenen Grenzen hier erfreut aufjubelt, weil es zu einem Anstieg von der ersten zur zweiten Generation kommt, sei darauf hingewiesen, daß sich daraus einige knifflige Probleme für ihn ergeben. Vielfach werden etwa kulturelle Eigenschaften der Einwanderer als Ursache für Verbrechen vermutet, die diese aus den Herkunftsländern mitgebracht hätten. Da viele der für die USA relevanten Länder in Süd- und Mittelamerika liegen und recht hohe Verbrechensraten aufweisen, erscheint das plausibel. Doch wenn Einwanderer der ersten Generation sich gar nicht so verhalten und dies ihren Nachkommen vorleben, dann sollte die Weitergabe der heimischen Kultur eigentlich unterbrochen sein. Viel eher ist daraus zu schließen, daß das Verhalten der Kinder und Enkel im Inland zustandegekommen ist. Bei genauerem Hinsehen gibt es dafür auch gute Gründe, nicht die Einwanderung, sondern die Assimilierung an ein Umfeld als Ursache zu vermuten, das für Einwanderer, die in einschlägigen Gegenden landen, eben krimineller ausfällt als im Schnitt der Bevölkerung.

Auch eine allseits beliebte genetische Erklärung hat ihre Schwierigkeiten, denn es ist nicht zu verstehen, wieso die Eltern wesentlich andere genetische Eigenschaften als ihre Nachkommen haben sollten. Hierzu müßte ja eine reichlich absurde Veränderung im Inland unterstellt werden, die binnen einer Generation eintritt. Je nachdem wird die genetische Verursachung dann auch über Bande gespielt und der IQ als Zwischengröße eingeschoben. Doch auch hier ist die Logik nicht zu halten: Gerade wenn man von einer starken Erblichkeit des IQ ausgeht, sollten sich die Generationen in dieser Beziehung praktisch nicht unterscheiden, weshalb man kein Argument für unterschiedliches Verhalten darauf aufbauen kann.

Ebenso tun sich Erklärungen schwer, die einen geringen Bildungsstand, schlechte Schulleistungen oder relative Armut als Ursache (und nicht nur als begleitendes Symptom) für die Kriminalität in der zweiten und dritten Generation vermuten. Nach all diesen Kriterien mögen die Nachkommen schlechter als der Schnitt der Inländer auskommen, aber vermutlich doch besser als ihre Eltern und Großeltern. Daraus würde dann aber folgen, daß man eine geringere Kriminalität erwarten sollte und nicht eine höhere. Daß es viele Schulabrecher in der zweiten und dritten Generation gibt, ist wohl eher Ausdruck einer Assimilation an ein gewisses Segment der inländischen Bevölkerung, dem sich Einwanderer stärker als andere gegenübersehen.

Es ist auch apriori nicht klar, ob selbst eine überdurchschnittliche Kriminalität in der zweiten und dritten Generation zu mehr Verbrechen insgesamt führt. Denkbar ist hier durchaus auch, daß es zu einer Verdrängung von inländischen Kriminellen kommt, bzw. für Inländer eine kriminelle Karriere unattraktiver wird. Nehmen wir beispielsweise ein Stadtviertel, in dem illegale Aktivitäten zur Kultur gehören. Da das Viertel für Inländer relativ unattraktiv ist, liegen die Mieten niedrig. Einwanderer ohne große Mittel werden hier vermutlich überdurchschnittlich häufig hinziehen. Im ersten Schritt würde ihr Zuzug allerdings zu weniger Kriminalität führen und sich damit eine weniger kriminelle Kultur einstellen.

Im zweiten Schritt würden die Nachkommen der ersten Generation sich nun unvollständig an das Milieu in dem Viertel assimilieren, das immer noch überdurchschnittlich kriminell bliebe. Dafür würden aber Inländer aus dem Viertel wegziehen, und ihre Kinder somit in einem weniger kriminellen Milieu aufwachsen. Netto könnte es dazu kommen, und das wäre sogar anzunehmen, daß gleichzeitig gewisse Einwanderergruppen in der zweiten und dritten Generation als überdurchschnittlich kriminell auffallen und die Kriminaltät im Allgemeinen aufgrund der Einwanderung sinkt. Vergessen wird nämlich leicht, daß ohne die Einwanderung in dem Viertel vermutlich ein kriminelleres Niveau geherrscht hätte, an das sich die Kinder der Inländer assimiliert hätten. Sie wären wohl ebenfalls krimineller als der Schnitt der Bevölkerung geworden, vermutlich sogar noch krimineller als die nur auffälligeren eingewanderten Gruppen, die an ihrer Stelle eingerückt sind.

Ob ein solcher Zusammenhang besteht, sei dahingestellt. Es ging uns nur darum aufzuzeigen, daß es durchaus nicht von vornherein so klar wie oft angenommen ist, daß ein Anstieg der Kriminalität in der zweiten und dritten Einwanderergeneration das allgemeine Verbrechensniveau erhöht, wobei das die relevante Größe für Inländer wäre, die sich bedroht fühlen. Bevor wir weiter unten die Frage noch einmal aufgreifen, wie die höhere Kriminalität in der der zweiten und dritten Generation vielleicht zu erklären sein könnte und was sie bedeutet, zuerst einmal die angekündigte Zusammenfassung des oben genannten Artikels mit einigen Anmerkungen. Im Zweifelsfall sei auf den originalen Beitrag verwiesen, der mehr Material und die angeführten Referenzen enthält.

In den USA kommen die weitaus meisten Einwanderer aus Mexiko mit einem Anteil von 27%. Größere Gruppen sind zudem Einwanderer von den Philippinen sowie aus China, Indien und Vietnam. Danach folgen mit Abstand Kubaner, Koreaner, Salvadorianer und Dominikaner. Die meisten Kinder dieser Einwanderer waren zum Zeitpunkt der Betrachtung buchstäblich Kinder im Alter von 9 bis 15 Jahren, weil die Einwanderung noch nicht lange her stattfand. Einwanderer leben zudem meistens in einem städtischen und hierbei großstädtischen Umfeld. Vom Bildungsstand sind sie an den Enden des Spektrums sehr stark repräsentiert: unter den am besten und den am schlechtesten Ausgebildeten.

In den USA sind sehr viele Menschen inhaftiert, wobei es mehr als eine Vervierfachung der Gefängnisinsassen von 1980 bis 2005 gab, die zumeist männlich und im Alter von 18 bis 39 Jahren sind. Geschätzte 80% der Verbrechen hatten direkt mit Drogen zu tun, wie etwa bei Verletzung von Drogengesetzen, Verbrechen unter Drogeneinfluß und Beschaffungsdelikten, oder die Verurteilten wiesen eine Vorgeschichte von Drogengebrauch auf. Insgesamt waren 3,2% der amerikanischen Bevölkerung über 18 Jahren in Gefängnissen, auf Freigang oder auf Bewährung. Von 100.000 Erwachsenen waren unter Schwarzen 4.834 im Gefängnis, von Hispanics 1.778 und von Weißen 681. Hierbei wuchs die Zahl für die Hispanics über die Zeit besonders stark. Die meisten Gefangenen hatten einen sehr niedrigen Bildungshintergrund als Schulabbrecher vor Abschluß der High School.

Die Vermutung, daß Einwanderung die Kriminalität treibt, ist nicht neu. Sie kam auch schon in früheren Phasen mit starker Einwanderung auf, etwa im 19. und angehenden 20. Jahrhundert. Im Fokus standen dabei zuerst Iren und Chinesen, später Juden und Italiener und in heutiger Zeit Einwanderer aus Lateinamerika. Im Jahr 2000 meinten Amerikaner in einer Befragung zu 25%, daß Einwanderer sehr wahrscheinlich und 48% etwas („somewhat“) wahrscheinlich für höhere Verbrechensraten verantwortlich seien. Das war sogar der häufigste Vorwurf gegen Einwanderer vor dem, daß sie den Amerikanern die Arbeit wegnehmen (60 Prozent) und die nationale Einheit unterminieren (56 Prozent). Politiker und Kommentatoren griffen solche Einstellungen auf und plädiderten für eine stärkere „Sicherung“ der Grenzen, um die Kriminalität zu senken.

Daten aus der Volkszählung von 2000 ergaben folgendes Bild für die Rate, mit der verschiedene Gruppen im Gefängnis saßen. Während es für die in den USA geborenen Männer zwischen 18 und 39 Jahren 3,51% der Bevölkerung waren, belief sich der Anteil für die im Ausland Geborenen auf nur 0,86%, lag also deutlich niedriger. Unterdurchschnittlich waren dabei sogar Einwanderer aus Mittelamerika wie Salvadorianer und Guatemalteken vertreten mit nur 0,52% sowie aus Mexiko mit 0,70%, die in der amerikanischen Öffentlichkeit vor allem mit Verbrechen in Verbindung gebracht werden.

Unter den im Inland Geborenen waren Schwarze in dieser Altersklasse besonders häufig inhaftiert mit 11,61%. Rechnet man diese heraus, so saßen Weiße ex Hispanics nur mit einer Rate von 1,71% im Gefängnis, was aber immer noch etwa das Doppelte der Rate für die im Ausland Geborenen war. Das Resultat gilt dabei für praktisch jedes Land, aus dem die Einwanderer kamen: Diejenigen, die im Ausland geboren wurden, waren deutlich seltener im Gefängnis als der Schnitt der Amerikaner. Die Rate für die USA inklusive der im Ausland Geborenen lag deshalb mit 3,04% auch niedriger als für die im Inland Geborenen. Mit anderen Worten: die Verbrechensrate sank durch die Einwanderung.

Allerdings erhöhten sich die Raten für die in den USA Geborenen mit einem Einwanderungshintergrund, wohl zumeist Angehörige der zweiten und teilweise dritten Generation. Hier kam es zu einem deutlichen Anstieg gegenüber der ersten Generation, wobei das Niveau aber für viele der Ausgangsländer unterdurchschnittlich blieb. Die größten Verschlechterungen gab es dabei für Mexikaner mit einer Inhaftierungsrate von 5,9% und für Kubaner mit 4,2% Gefängnisinsassen sowie für Vietnamesen mit 5,6% und für Kambodschaner und Laoten mit 7,26% gegenüber dem Durchschnitt von 3,51%. Im Verhältnis zu der Bandbreite, die im Inland herrschte, lagen aber diese erhöhten Zahlen immer noch eher im Mittelfeld.

Betrachtet man die Raten für diejenigen, die die High School abgeschlossen hatten oder nicht, so lagen in beiden Gruppen die Einwanderer für fast alle Herkunftsländer wieder unter dem Durchschnitt (einzige Ausnahme: kubanische High-School-Absolventen, die mit einer Rate von 2,29% leicht über dem allgemeinen Schnitt von 2% auskamen). Mit anderen Worten: auch Einwanderer der zweiten und dritten Generation waren weniger kriminell als Inländer mit einem entsprechenden Bildungsniveau. Daß sich insgesamt je nachdem höhere Raten einstellten, geht damit einher, daß es in den Einwanderergruppen mehr Schulabbrecher gab. In der zweiten und dritten Generation hatten die Einwanderer zwar zu den Einheimischen aufgeschlossen, diese aber noch nicht erreicht. Näher liegt es daher, nach Gründen für höhere Raten von Schulabbrechern zu schauen und womit diese zusammenhängen, als eine weit hergeholte Verbindung zum Ursprungsland zu konstruieren.

Den größten Anstieg verzeichnen in den USA Geborene, die aus Mexiko stammen (auf mehr als das Achtfache), aus Vietnam (von 0,46% auf 5,6%) sowie aus Kambodscha und Laos (von 0,92% auf 7,26%). Interessanterweise fallen die hierzulande gerne und auch ganz zurecht als Mustereinwanderer beliebten Vietnamesen eher schlecht auf. Das zeigt vielleicht auch, daß das spezifische Umfeld in den USA und nicht das Ausgangsland eine Rolle spielt. Die Ergebnisse gelten hier zumeist für die zweite Generation, weil die Einwanderung nicht lange zurückliegt. Nur bei den Mexikanern sind die in den USA Geborenen zu etwa einem Viertel auch der dritten Generation zuzurechnen. Allerdings sind Einwanderer der zweiten Generation aus China und von den Philippinen immer noch weniger kriminell als weiße Amerikaner ex Hispanics und erst recht als der Durchschnitt.

Für die erste Generation von Einwanderern liegen die Raten von Gefängnisinsassen für Schulabbrecher zwar höher als für diejenigen, die abschließen, aber der Unterschied ist eher gering (1,31% versus 0,57%), während er bei den im Inland Geborenen markant ausfällt (9,76% versus 2,23%). Einwanderer der ersten Generation ohne Abschluß waren somit sogar weniger kriminell als im Inland Geborene mit einem Abschluß. Ob jemand im In- oder im Ausland geboren war, hatte somit eine größere Vorhersagekraft, als ob er einen Abschluß geschafft hatte.

Daß es hier um eine Assimilierung an die Verhältnisse in den USA handelt, zeigt auch eine Auswertung nach der Dauer des Aufenthalts. Für praktisch jede Gruppe steigt die Rate der Gefängnisinsassen über die Zeit an. Doch auch nach mehr als 15 Jahren sind mexikanische Einwanderer noch immer sehr wenig kriminell, was der Wahrnehmung etwa in Kalifornien widerspricht, wo es besonders viele Einwanderer gerade aus Mexiko hinzieht. Hier liegen die Raten für die im Inland Geborenen mit 4,5% höher als in den USA allgemein, für die im Ausland Geborenen aber sogar niedriger mit 0,4%. Die Kalifornier sollten sich von daher für zehnmal gesetzestreuere Einwanderer eigentlich bedanken, anstatt in Hysterie zu verfallen.

Auf der Grundlage von Daten aus langangelegten Befragungen von Kindern mit einem Einwanderungshintergrund in Südkalifornien und Südflorida, der „Children of Immigrants Longitudial Study (CILS)“, ergeben sich Einsichten in die steigenden Verbrechensraten in der zweiten und dritten Generation. Die Angaben der Befragten wurden dabei mit anderen Quellen abgeglichen, wie etwa Daten des Gefängnissystems. Etwa die Hälfte der Beobachteten gehörte der ersten, die andere Hälfte der zweiten Generation an.

Die Eltern der zweiten Generation hatten weit überwiegend keine höheren Abschlüsse (zwei Drittel bis drei Viertel), wobei allerdings Chinesen und Filipinos relativ häufig ein College absolviert hatten, mehr als Amerikaner im Durchschnitt. Kinder, die aus Kambodscha oder Laos stammten, wuchsen zu 62% in „inner-city neighborhoods“ auf, in denen mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt. Für Mexikaner lag der Anteil bei 48%, für Vietnamesen bei 28%. Hingegen war der entsprechende Anteil für Kinder mit einem chinesischen oder philippinischen Hintergrund gering mit 4% und 2%.

Bei den Inhaftierungsraten gab es einen großen Unterschied zwischen den Geschlechtern: 12% der Männer, aber nur 2% der Frauen hatten in einem Gefängnis gesessen. Mexikaner waren hierbei besonders stark beteiligt, etwa doppelt so häufig wie andere Gruppen mit 20% Inhaftierungen in der Stichprobe und 28% Verhaftungen. Vietnamesen folgten mit 17% Verhaftungen und 15% Inhaftierungen. Kambodschaner und Laoten wurden mit knapp 10% ebenfalls häufig verhaftet und inhaftiert. Wieder waren die Zahlen für die im Ausland Geborenen erheblich niedriger. Verhaftungen und Inhaftierungen zeigten einen starken linearen Zusammenhang mit Daten für Familienstruktur (alleinerziehende Eltern), akademische Leistung, Problemen in der Schule sowie mit physischer Bedrohung und dem Angebot von Drogen in der High School. Diejenigen, die angaben, physisch bedroht worden zu sein, mehr als zweimal in der Schule Drogen angeboten bekamen oder keinen Abschluß gemacht hatten, waren wesentlich häufiger verhaftet oder inhaftiert worden. Korrigiert man für die schulische Leistung, so verschwindet die hohe Rate von Verhaftungen und Inhaftierungen für Mexikaner. Nicht deren Herkunft, sondern deren Werdegang in der Schule hing mit ihrer Verbrechenskarriere zusammen.

Warum sind nun die Einwanderer in der ersten Generation so wenig kriminell, und das sogar trotz eines unterdurchschnittlichen Bildungsstandes und größerer Armut? Eine Erklärung könnte sein, daß sie sich härteren Strafen gegenübersehen als Einheimische, weil sie nicht nur eingesperrt, sondern zudem auch abgeschoben werden können. Allerdings wird das durch Studien von Kristin Butcher und Anne Morrison Piehl widerlegt. Vermutlich handelt es sich eher um einen Selektionseffekt, weil weniger kriminelle Menschen stärker zu einer Auswanderung neigen. Vorstellbar wäre ja, daß sich Verbrecher in den Ausgangsländern schon gut eingerichtet haben und von daher wenig Antrieb verspüren, ihr Geschäftsfeld in ein anderes Land zu verlegen. Umgekehrt weisen Auswanderer vermutlich Eigenschaften auf, die weniger zu Kriminalität passen, wie etwa eine langfristigere Orientierung. Solche Verzerrungen würden sich dabei sogar stärker unter relativ geschlossenen Grenzen auswirken, bei denen vor allem rechtschaffene Menschen von einer Einwanderung abgeschreckt werden.

Und warum steigen die Raten für die zweite und dritte Generation, die im Allgemeinen doch eigentlich bessere Voraussetzungen als ihre Eltern haben? Aus den Detaildaten ergibt sich hier zumindestens ein plausibles Bild: Einwanderer landen eher in armen Gegenden mit einer überdurchschnittlich kriminellen Kultur. Ihre Kinder passen sich dieser Kultur an, wenn auch unvollkommen. Hierbei spielen Schulen eine Rolle, wo entsprechende Verhaltensmuster vorgelebt werden und der Einstieg in ein kriminelles Milieu angebahnt wird. In den späteren Phasen wird dieser Ausbildungsgang dann in Gefängnissen weitergeführt. Die Kriminalisierung von Drogen und hohe Inhaftierungsraten befördern diese Entwicklung noch weiter.

Eine solche Erklärung paßt gut zu den verschiedenen Daten und widerspricht einer Sichtweise, als wenn Einwanderer inhärent schlechtere Leute als Einheimische wären. Im Gegenteil spricht sogar einiges dafür, daß sie eher rechtschaffener als die Inländer sind und ihre Kinder nur durch das Umfeld an ein bestimmtes Segment der amerikanischen Gesellschaft assimiliert werden. Für Gruppen wie die chinesisch- und philippinischstämmigen Einwanderer der zweiten und dritten Generation ergibt sich damit eine Annäherung von unten an die allgemeinen Raten in den USA, für andere an die in den extremeren Teilen der Gesellschaft.

Es ist von daher nicht einsichtig, wieso gerade geschlossene Grenzen zu einer Senkung der Kriminalität führen sollten, wenn es viel naheliegendere Gründe gibt, warum die Dinge im Argen liegen. Zu nennen wären die Drogenpolitik, die ein Beschäftigungs- und Ausbildungsprogramm für Verbrecher darstellt, oder verwahrloste Schulen in „inner city neighborhoods“, in denen Kinder an ein kriminelles Milieu herangeführt werden. Bei offenen Grenzen wären durchaus sogar gegenläufige Effekte zu erwarten: Umso weniger rechtschaffende Einwanderer abgeschreckt werden, desto stärker sollte der Effekt durch ihre geringere Kriminalität ausfallen und die Kriminalität im Inland reduziert werden. Gegenläufige Effekte in der zweiten und dritten Generation, so man die eigentlichen Ursachen nicht angehen will, würden bei stetem Nachzug von weiteren Einwanderern durch deren weniger kriminelles Verhalten ausgeglichen und nicht verstärkt werden.

Das wird auch etwa in Arbeiten des Soziologen Robert J. Sampson belegt, die anhand von Daten aus Chicago zu der Schlußfolgerung kommen, daß vermehrte Einwanderung ein wesentlicher Faktor für niedrigere Verbrechensraten sein kann. Zu ähnlichen Ergebnissen gelangten auch Matthew Lee und Ramiro Martínez für Städte an der Grenze mit Mexiko mit starker Einwanderung oder für die Drogenkriminalität in Miami und San Diego. Und das ist alles gar nicht mal neu. Als 1901, 1911 und 1931 bei ähnlichen Befürchtungen staatliche Kommissionen sich der Daten zur Kriminalität annahmen, fanden sie zu ihrer Verblüffung ganz ähnliche Ergebnisse: Die im Ausland Geborenen waren auch damals weniger kriminell als die im Inland Geborenen. Ein markanter Anstieg in der zweiten und dritten Generation wurde bei diesen Untersuchungen ebenso wie heute festgestellt.

Um es zusammenzufassen: Die Vorstellung, daß mit den Einwanderern die Verbrechen kommen, hat keine Entsprechung in der Wirklichkeit. Die Verbrecher werden im Inland gemacht. Daran ändert auch nichts, daß man insbesondere illegale Einwanderer als geborene Verbrecher hinstellt, weil sie gewisse Gesetze gebrochen haben, die ihnen ihr Recht auf Freizügigkeit ungerechterweise verlegen. Noch absurder ist die Verquickung der Frage mit dem Kampf gegen den Terrorismus, was seit den Anschlägen des 11. Septembers sehr populär geworden ist. Ob es überhaupt irgendwelche mexikanischen Anhänger von Bin Laden jemals gab, darf man durchaus bezweifeln. Hier die Grenzen mit riesigem Aufwand und einer solchen Begründung gegen illegale Einwanderer zu schließen, entbehrt jeder rationalen Grundlage. Die Attentäter des 11. September kamen legal als Touristen und nicht illegal als Einwanderer in die USA.

Wer sich also Sorgen um die Verbrechensraten macht, der sollte sich zum einen an die eigene Nase fassen. Wenn sich die Kinder von Einwanderern an extreme Segmente der Gesellschaft assimilieren, könnte man genau hier ansetzen, um gegenzusteuern. Wenn man mit einem „Krieg gegen die Drogen“, verwahrlosten Schulen in „inner city neighborhoods“ und hohen Inhaftierungsraten geradezu das Verbrechen züchtet, sollte man nicht auf Einwanderern herumhacken. Und wenn man es ernst meint, mit einer Reduzierung der Kriminalität, dann wäre die vernünftige Konsequenz mehr und nicht weniger Einwanderung zu befürworten. Aber das geht natürlich alles gegen die Intuition von den bösen Menschen, die uns mit ihren Verbrechen überziehen, und ist wohl oft zu viel verlangt an innerer Stimmigkeit und Respekt vor den Fakten, wenn jemand nach Gründen angelt, um die vorgefaßte Meinung zu stützen, daß die Grenzen dichtgemacht werden müssen.

[Dies ist eine leicht überarbeitete Version eines Artikels, der zuerst bei „Offene Grenzen“ veröffentlicht wurde.]

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