Viehsisana

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von Alexander Moszkowski, 1912

Einer meiner Bekannten, der ausgezeichnete Veterinär-Arzt Dr. Thierichens, hat vor einiger Zeit ein Tierhospital gegründet, zu dessen Besichtigung er mich am Faschings-Dienstag einlud. „Dem gesamten ärztlichen Stand“, also belehrte er mich, „wirft man häufig genug Grausamkeit gegen die Tiere vor, weil wir bisweilen ein wenig Vivisektion treiben; ich wollte durch meine Gründung den Beweis führen, daß in unserem Stande auch eine weitgehende Fürsorge für all die Kreaturen herrscht, die sich selbst nicht helfen können. Es gibt in der Tat viele Krankheiten unter den Tieren, auf welche die Menschen bisher nicht geachtet haben, und zwar wesentlich deshalb, weil die pathologischen Merkmale dieser Leiden nicht die genügende Beachtung in der Gelehrtenwelt gefunden haben. Es ist mir vorbehalten gewesen, diese Krankheitsformen festzustellen und zugleich die Methoden zu ihrer Heilung zu entdecken. Hierzu war ein besonderes Sanatorium nötig, welches von mir nach dem Vorbild der „Quisisana“ sinn- und zweckentsprechend „Viehsisana“ genannt worden ist.

„Sehen Sie hier diesen ersten Patienten,“ fuhr er fort, indem wir durch den Lichthof der Anstalt schritten, „es ist eine neurasthenische Gemse. Dieses Tier hat bis vor einem halben Jahre in den Hochalpen gelebt, es hat sich aber herausgestellt, daß es die Höhenluft nicht vertragen konnte; es bekam fortwährend Schwindelanfälle und konnte in keinen Abgrund blicken; also eine ausgebildete Nervosität, welche die Gemse in der Ausübung ihres Berufs stark behindert.“

„Und womit behandeln Sie die Gemse?“ fragte ich.

„Sie bekommt dreimal täglich Baldriantropfen und wird jeden Morgen kalt abgerieben. Ich hoffe sie bis zum Sommer völlig herzustellen. Eventuell muß sie dann noch einige Seebäder in Heringsdorf nehmen.“

In dem nächsten Berschlage bemerkte ich ein Geschöpf, das mich mit treuherzigen Augen anblickte. „Ach, ein Murmeltier!“ sagte ich, „was fehlt ihm denn?“

„Es leidet an Schlaflosigkeit ,“ erklärte der Arzt, „und Sie können sich denken, was das für ein Tier zu bedeuten hat, das gewöhnt ist, mehrere Monate hintereinander zu schlafen. Das Tier hat einem kleinen Savoyarden gehört und scheint sich durch Kunststücke geistig überangestrengt zu haben. Ich behandle es abwechselnd mit Bromkali und Chloral. In der vorigen Nacht hat das Murmeltier, wie mir seine Wärterin mitteilt, zum ersten Male seit langer Zeit eine halbe Stunde geschnarcht, ein Zeichen, daß es sich auf dem Wege der Besserung befindet.“

„Jetzt aber erschrecken Sie nicht,“ sagte der Arzt, indem er mich an ein Bett führte, in dessen Tiefe eine große weißliche Masse vergraben lag, „hier habe ich einen sehr eigentümlichen Patienten: einen Eisbären, der an Schüttelfrost leidet.“

„Um Himmels willen,“ rief ich, „das ist ja lebensgefährlich!“

„Nicht für Sie,“ beruhigte mich der Doktor, „der Eisbär tut Ihnen nichts, er ist froh, wenn er unter seiner Federdecke liegen bleiben kann. Ich ernähre die Bestie vorläufig mit heißem Kaffee, Chinin und Glühwein. Alle Symptome weisen darauf hin, daß dieser ursprünglich aus Grönland stammende Eisbär die nordische Witterung nicht verträgt; wenn er sich bei mir nicht erholt, wird mir nichts übrig bleiben, als ihn in ein südliches Klima, nach Nizza oder Madeira zu schicken.“

Ich blieb vor einem Haufen von Sägespänen stehen, aus dem ein Fischkopf hervorguckte, und fragte den Doktor nach der Bedeutung dieses Phänomens Ich erfuhr, daß hier der abnorme Fall eines wasserscheuen Karpfens vorlag. „Ich kann es mir nicht anders erklären,“ meinte der Direktor, „als daß dieser Karpfen von einem tollen „Hecht gebissen sein muß. In seinem jetzigen Zustande würde er sich lieber lebendig mit polnischer Sauce zubereiten lassen, ehe er ins Wasser ginge.
Ich behandle ihn nach Pasteurscher Methode, indem ich ihn mit sterilisierten Hundswut-Bazillen impfe. In acht Tagen soll die Krisis eintreten, und wenn er die übersteht, hege ich Hoffnung, ihn der schwimmenden Karpfenheit wiedergeben zu können.“

Die nächsten Objekte waren ein vom Veitstanz befallenes Faultier und ein Chamäleon, welches die Gelbsucht hatte. Dieses Chamäleon hatte kürzlich beim Farbenwechseln ein sehr lebhaftes Gelb produziert und konnte seitdem trotz aller Anstrengung nicht von diesem Gelb loskommen. Es wurde diätetisch mit Grünkohl, Rotspohn und Blaubeeren behandelt, um sich allmählich wieder an die anderen Farben zu gewöhnen.

In der dentistischen Abteilung wurde mir eine Klapperschlange mit Zahnweh gezeigt. Das arme Tier hatte geschwollene Backen und konnte absolut nicht beißen. Es handelte sich darum, der Schlange die Giftzähne zu erhalten, ein Ziel, welches der dirigierende Arzt durch Jodpinselung zu erreichen hoffte.

Sehr interessant erschien mir in der Augenklinik ein kurzsichtiger Adler. Man probierte ihm gerade eine Brille auf, damit er wieder seinem Beute-Erwerb nachgehen könnte. Als besondere Kuriositäten erwähne ich noch einen in der Mauserung begriffenen fliegenden Fisch, einen Bandwurm mit linksseitigem Kopfschmerz einen Tausendfuß, der an einem seiner tausend Füße einen Knöchelbruch erlitten hatte, und eine Spitzmaus mit Größenwahn.

Die Fürsorge des Arztes erstreckt sich also bis auf die unbedeutendsien Lebewesen. „Die Wissenschaft,“ so sagt er, „fragt nicht nach dem Charakter des Patienten, sie hat vielmehr nur den Heilerfolg im Auge, und in dieser Hinsicht gilt es gleich, ob ich einen Menschen vom Fieber kuriere“, oder ob ich einem verrückten Huhn seine normale Denkkraft wiedergebe.“

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