Der Kaiser hält eine Rede und plaudert mit einem Sozialdemokraten

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Neue Freie Presse, Wien, 7. März 1890

Der vorgestrige Trinkspruch des deutschen Kaisers hat in dem von den Berichterstattern vielvariirten Satze die von der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung mitgetheilte Fassung gehabt; der Satz lautete: „Alle, die mir behilflich sein wollen, sind mir herzlich willkommen, diejenigen jedoch, welche sich mir entgegenstellen, zerschmettere ich.“ Es wird in Berlin augenscheinlich darauf Werth gelegt, daß der Wortlaut genau bekannt werde, da ein umfangreiches officielles Telegramm und jetzt auch die Wiedergabe im „Reichsanzeiger“ die andere Version richtigstellt, welche ein ebenfalls officielles Telegramm zuerst verbreitet hatte.

Das Gespräch, welches der Kaiser mit einem Social-Demokraten im Staatsrathe geführt haben soll, beschränkt sich, der Kölnischen Zeitung nach, darauf, daß während einer Frühstückspause die beiden als Sachverständige Eingeladenen: Bautischlermeister Vorderbrügge und Putzer Buchholz, im Rauchzimmer in ein lebhaftes Wortgefecht gerathen waren; der Erstere vertrat seinen Standpunkt als konservativer Handwerker, der Letztere als Anhänger der Arbeiterpartei. Diesem Gespräche hörte der Kaiser lächelnd und mit Interesse zu, mit verschiedenen Bemerkungen daran theilnehmend. Uebrigens erklärte Buchholz, daß er ein Social-Demokrat in dem allgemeinen und vollen Sinne nicht sei, da er als alter Soldat mit dem Eisernen Kreuze königstreu sei. Man könne ihn danach höchstens als königstreuen Social-Demokraten bezeichnen, er sei ein entschiedener Vertreter der Arbeiter-Interessen.

Anmerkung

Kaiser Wilhelm II. befindet sich noch am Anfang einer peinlichen Karriere als Redner. Meist mit der Regierung unabgestimmt schwingt er sich dabei zu markigen Sprüchen auf, die, wie es auch hier durchscheint, dann in der offiziellen Version geglättet werden müssen. Spätere Glanzleistungen werden die sogenannte „Hunnenrede“ im Jahre 1900 (hier die Rede Eugen Richters dazu) und das Interview mit dem Daily Telegraph von 1908 sein.

Im März 1890 wird offensichtlich, daß das Verhältnis zwischen dem neuen Kaiser und Reichskanzler Bismarck zerrüttet ist, und letzterer demnächst zurücktreten könnte. In die wirren Reden und anderweitigen Äußerungen des Monarchen wird dabei allerlei hineininterpretiert.

Die Unterhaltung mit dem Putzer Buchholz könnte etwa andeuten, daß der Kaiser eine Entspannung mit den Sozialdemokraten sucht. Im Reichstag ist Anfang des Jahres eine Verlängerung des Sozialistengesetzes nicht mehr zustandegekommen, und bei den Wahlen sind die Parteien in die Minderheit verwiesen worden, die dieses unterstützt hatten. Kaiser Wilhelm II. wird allerdings später klarmachen, wen er „zerschmettern“ will, etwa mit Bemerkungen über die „vaterlandslosen Gesellen“, die den deutschen Staub von ihren Pantoffeln abschütteln sollen.

Der Putzer Buchholz wirft mit seinen Bemerkungen auch ein Schlaglicht darauf, daß die Anhängerschaft der Sozialdemokraten nicht ganz so internationalistisch und republikanisch gesinnt ist, wie es die Parteiverlautbarungen vermuten lassen könnten. Mit dem Fall des Sozialistengesetzes beginnt der Marsch der Partei durch die Institutionen, bei dem die Sozialdemokraten bis 1914 dann leidlich in das wilhelminische System integriert werden. Heinrich Mann schildert dies in seinem Roman „Der Untertan“, der in den 1890ern spielt und in dem der nationalliberale Diederich Heßling nicht nur mit kaiserlichen Phrasen um sich wirft, sondern auch gegen die Freisinnigen den Schulterschluß mit dem Sozialdemokraten Napoleon Fischer sucht.

Zum Hintergrund ist bei Libera Media auch ein Buch mit den Reichstagsreden von Eugen Richter 1878 gegen das Sozialistengesetz erschienen. Neben einer ausführlichen Einleitung zum Hintergrund gibt es zahlreiche Erläuterungen zum Text und weiterführende Materialien. Da Buch ist erhältlich über Amazon (einfach auf das Bild klicken):

Richter SozGes klein 4

Siehe auch:

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