Der Kaiser und der Sozialdemokrat

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Der Reichsfreund, 13. März 1890

Ueber Unterhaltungen unsers Kaisers mit dem sozialdemokratischen Putzer Buchholz machte in dem konservativen Verein zu Magdeburg der zünftlerische Schlossermeister Deppe Mitteilungen. Derselbe war ebenfalls zu den Staatsrats-Beratungen als Sachverständiger zugezogen. Ein Bericht des Magdeburgischen „Amtlichen Anzeigers“ läßt ihn Folgendes erzählen:

„Als ich bescheiden zurückstehend vom Herrn Minister v. Boetticher am Arm genommen und vor Se. Majestät geführt wurde, hatte ich zugleich Gelegenheit, am Disput mit dem sozialdemokratischen Putzer Herrn Buchhokz, der als Arbeitervertreter und nichtständiges Mitglied der Unfall-Versicherung ca. 650 000 Stimmen auf sich vereinigt hatte, teilzunehmen. Herr Buchholz, mit dem Eisernen Kreuz dekorirt, glaubte Patriotismus und Sozialismus verbinden zu können und wollte durchaus nicht das Regiment Sr. Majestät beseitigt wissen. Hierauf fragte Se. Majestät: „Glauben Sie, daß Ihre Führer im Reichstag etwas für Sie thun werden?“ Herr Buchholz antwortete: „Ja wohl, Majestät, sie haben es ja versprochen, und wenn sie nichts thun, dann wählen wir sie nicht wieder.“ Hierauf sagte Se. Majestät: „Nun, wir werden ja sehen. Wenn man nur einmal die Probe machen könnte, und diese Herren die Verantwortung der Regierung tragen müßten, aber ich kann doch nicht Bebel auf den Thron lassen.“ Wir Handwerker, Herr Tischlermeister Vorderbrügge und ich, brachten nun Herrn Buchholkz in die Enge, aber als Majestät am andern Morgen fragte: „Na, haben Sie ihn denn herumgekriegt?“ mußte ich doch mit „Nein“ antworten.“

Uebrigens ist Putzer Buchholz in wirtschaftlichen Fragen kein Anhänger gewisser verbohrter Anschauungen, die gerade unter den Bauarbeitern Berlins die verbreitesten sind. Er hat sich in einer Maurerversammlung mit großer Entschiedenheit gegen deren sozialistischen Spruch „Akkordarbeit ist Mordarbeit“ und für die Akkordarbeit ausgesprochen. Leute, die den Grundsatz verfechten, daß der faule und der fleißige, der geschickte und der ungeschickte Arbeiter das gleiche Tagelohn verdienen müßten, sind Hindernisse jeder Besserung der Arbeiterverhältnisse.

Siehe auch: Der Kaiser hält eine Rede und plaudert mit einem Sozialdemokraten

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