Uebermut thut selten gut

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Der Reichsfreund, 13. März 1890

Die Wahl vom Februar 1887 hatte für die deutschfreisinnige Partei ein recht ungünstiges Ergebnis — von 60 Abgeordneten verringerte sich ihre Zahl nach beendeten Stichwahlen auf 31. Die Partei hat sich dadurch keinen Augenblick entmutigen lassen; durch Nachwahlen in den drei Jahren hat sich die Zahl um fünf vermehrt. Durch die Tüchtigkeit ihrer Mitglieder haben sie es verstanden, sich im Reichstage die Achtung aller ehrlichen Gegner zu erzwingen.

Der zähen Ausdauer unserer Partei ist es zu danken, daß in der Wahl vom Februar 1890 die Kartellmehrheit zertrümmert wurde. Der Sieg, die starke Vermehrung der Sitze wird uns zu erneuter Arbeit anspornen. Den geschlagenen Gegner mit Spott und Hohn zu überschütten, haben wir keine Lust. Die Nationalliberalen insbesondere erfüllen uns in Wirklichkeit mit Mitleid. Als durch die Wahl von 1887 ihre Reichstagstagsfraktion, die zuletzt nur 45 Mitglieder gezählt hatte, zu 98 Mitgliedern anwuchs, wußten sie sich vor Uebermut nicht zu fassen. Heute verzeichnen sie 39 Fraktionsmitglieder und als erhoffte Hospitanten den vormaligen Septennats-Freisinnigen Brauereidirektor Rösicke und zwei Elsässer, von denen behauptet wird, sie wollten es mit dem Nationalliberalismus versuchen. Im günstigsten Falle also 42 Mann — deren Zahl sich möglicher Weise noch zufolge Ungiltigkeits-Erklärungen verringert.

Wie schwer die Partei eine so starke Niederlage empfinden muß, kann man ermessen, wenn man sich das Verhalten ihres Partei-Organs, der „Nationalliberalen Korrespondenz“ im Jahre 1887 ins Gedächtnis zurückruft. Wir wollen aus den übermütigen Auslassungen jenes Parteiorgans nur einen Satz niedriger hängen. Es schrieb damals:

„Die deutschfreisinnige Partei ist vernichtet und so gut wie vom Boden weggefegt. Aus den übrigbleibenden jämmerlichen Fetzen vermag auch Windthorst kein Gebild mehr zu gestalten. Wird Richter jetzt vom politischen Schauplatze zurücktreten? Ein Mann mit einigermaßen entwickeltem Schamgefühl würde es zweifellos thun, Windthorst, Richter und Grillenberger blicken auf ein weites Leichenfeld“.

Betrachtungen darüber sind überflüssig.

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