Das perverse Weib oder: Der Schlammgeist

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von Alexander Moszkowski, 1912

Die nächste Tragödie von Frank Wedekind

(Fortsetzung von „Erdgeist“.)

Das perverse Weib oder der SchlammgeistPlan der Szene.
Rechts und links vom Zuschauer.

Letzter Akt.

Dr. Schön (mit seiner jungen Frau Lulu am Frühstückstisch): Da wir doch nunmehr bereits seit zwei Wochen verheiratet sind, so frage ich dich zum erstenmal in meinem Leben: liebst du mich?

Lulu: So wahr mir die Sünde heilig ist! Ich liebe dich. Du sollst an diesem Bissen ersticken, wenn’s nicht wahr ist. Wenn ich dich jemals betrogen habe, so war es in den ersten acht Tagen unserer Ehe. Jetzt kommt so etwas nicht mehr vor.

Dr. Schön: Ich stoße da immerzu unter dem Tisch an etwas. Es scheint ein menschlicher Körper zu sein. Was meinst du dazu, Lulu?

Lulu: Ach, das ist bloß ein Husaren-Rittmeister, der mich manchmal besucht. Ich hatte vergessen, ihn dir vorzustellen.

Der Husaren-Rittmeister (kriecht unter dem Tisch hervor): Entschuldigen Sie. Wünsche allerseits gesegnete Mahlzeit. (Ab durch die Mitteltür.)

Dr. Schön: Ein sehr höflicher Mensch, dieser Offizier. Und er schien an meiner Gegenwart gar keinen Anstoß zu nehmen. (Er erhebt sich). Verzeihe, Lulu, ich will mir einen anderen Rock anziehen. (Er öffnet Spind 1, ein Herr stürzt heraus und flieht durch die Mitteltür.) Ha, wer war das?

Lulu: Ein Afrikareisender, der mit mir seit heute Vormittag befreundet ist.

Dr. Schön: Wie kommt der hier herein?

Lulu: Auf dem Wege vom Kongo nach dem Auswärtigen Amt.

Dr. Schön: Daher die Eile! Übrigens hatte ich mich geirrt. Mein Rock befindet sich, wie ich glaube, in dem anderen Schrank. (Er öffnet Spind 2. Ein Herr in braunem Samt voltigiert heraus, über ihn hinweg und schießt durch die Mitteltür). Lulu! Hast du das bemerkt? Etwa auch ein Afrikareisender?!

Lulu: Nein, dies war ein junger Maler, dem ich gestern Modell gestanden habe.

Dr. Schön: Ohne mir etwas davon zu sagen?

Lulu: Er legte keinen Wert darauf. (Koffer 1 und Koffer 2 werden von innen aufgeklappt. Zwei Männer in Trikot steigen heraus.)

Erster Mann in Trikot: Du hier!

Zweiter Mann in Trikot: Du hier! (Sie boxen und entfernen sich kämpfend durch die Mitteltür.)

Lulu: Das waren zwei Athleten. Sie haben dir soeben eine Gratis-Vorstellung gegeben; so sorge ich für dich.

Dr. Schön: Weshalb boxten sie?

Lulu: Weil sie eifersüchtig aufeinander sind.

Dr. Schön: Und wo bleibe ich?

Lulu: Ach, du hast ja mit der ganzen Geschichte nichts zu tun; es geschah ja bloß meinetwegen.

Dr. Schön: Es scheint mir somit an der Zeit, auch die anderen Spinden und Koffer sowie sämtliche Türen zu untersuchen. (Er öffnet der Reihe nach. Überall springen Männer vom Prinzen herab bis zum Stallburschen heraus — ungerechnet mehrere Studenten, Primaner und Bäckerjungen — sämtlich ab durch die Mitteltür.) Etwas reichlich, wie mir vorkommt! Und von allen diesen hast du mir nichts vertraut!

Lulu: Sie hatten mir grundsätzlich jede Vertraulichkeit mit dir verboten.

Dr. Schön: Diese Diskretion ehrt dich zwar, aber immerhin muß ich jetzt noch einmal meine Frage wiederholen: Liebst du mich auch wahr und treu?

Lulu: Die elf Scharfrichter sollen mich holen, wenn es anders ist.

Dr. Schön: Aber wie ist denn das nur möglich?

Lulu: Wenn Wedekinds „Erdgeist“ in einer Berliner Ausführung möglich war, dann ist alles möglich. Viel anders als dort im letzten Akt geht es hier augenblicklich auch nicht zu.

Dr· Schön: Da ist doch noch einer! Der Souffleur! (Der Souffleur kriecht aus dem Kasten und entfernt sich mit dem Ruf „ich bin ertappt!“ durch die Mitteltür.) Also auch der?

Lulu: Du hast es erraten. Aber wir sind wirklich ganz unter uns, — komm, laß uns frühstücken.

Dr. Schön: Welche Seligkeit! Allein mit dir, mit meiner Gattin, mit meiner holden, süßen, angebeteten, kleinen Lulu!

(Der Vorhang fällt.)

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Siehe auch:

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