Das Wahlergebnis

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[Eugen Richter: Im Alten Reichstag, Band 2, 1896, Seite 73-74.]

Am 30. Juli fanden die Neuwahlen statt.

Fürst Bismarck gewann durch die Neuwahl eine erhebliche Verstärkung der konservativen Parteien, gelangte aber nicht zu dem Ziel, das er sich vorgesetzt hatte: eine rein gouvernemental-konservative Mehrheit. Die nachfolgenden Stichwahlen fielen für die Opposition verhältnismäßig günstiger aus, als die Hauptwahlen. Immerhin gewannen die beiden konservativen Parteien zusammen 42 Plätze (122 statt 80); die Nationalliberalen verloren 31 Plätze (95 statt 126); die Wildliberalen (Gruppe Löwe) verloren 4 Plätze (8 statt 12); die Fortschrittspartei verlor 9 Plätze (27 statt 36); die Sozialisten verloren nur 3 von ihren bisherigen 12 Mandaten.

Nach diesem Wahlergebnis war es möglich, fortan im Reichstag auch eine Mehrheit aus den beiden konservativen Parteien mit der Centrumspartei zu bilden, eine Möglichkeit, von welcher im weiteren Verlauf der Wahlperiode seitens des Reichskanzlers starker Gebrauch gemacht worden ist. Zugleich blieb die Möglichkeit, wie bisher, auch aus Konservativen und Nationalliberalen eine Mehrheit zu bilden. Diese Mehrheitsbildung war  gegen die vorige Wahlperiode noch erleichtert durch die Verstärkung der Konservativen, welche den Hinzutritt von weniger Nationalliberalen als früher erforderlich machte und durch die besondere Schwächung des linken Flügels innerhalb der nationalliberalen Partei. Der Kanzler hatte also fortan die Auswahl zwischen zwei Mehrheiten und konnte dabei das Centrum derart mit den Nationalliberalen in Konkurrenz bringen, daß er mit dem Mindestfordernden unter beiden Parteien den Handel abschloß unter Zuziehung der Konservativen.

In Berlin gelang es uns, nicht nur die 4 bisherigen Wahlkreise zu behaupten, sondern auch den 1877 an die Sozialdemokraten verlorenen 6. Reichswahlkreis zurückzuerobern. Auch den vierten Reichswahlkreis hätten wir wiedergewonnen, wenn nicht die Schutzzöllnerpartei eine Spaltung herbeigeführt hätte. Minister Falk ließ sich in mehreren Berliner Wahlkreisen gegen uns als Kandidat mißbrauchen. Die Nationalliberalen stimmten sonst in Berlin überall für unsere Kandidaten. Professor von Treitschke versuchte freilich in heftigster Weise im zweiten Wahlkreise gegen uns zu agitieren, doch wurde Klotz im 2. und 6. Wahlkreis doppelt gewählt, Hänel ebenso doppelt gewählt in Kiel und Berlin; bei den späteren Nachwahlen in Berlin wurden dann Ludwig Löwe und Amtgerichtsrat Hoffmann gewählt. Unsere Verluste betrafen hauptsächlich Ostpreußen, wo wir 7 Mandate einbüßten. Ich selbst hatte in meinem Wahlkreise Hagen einen heftigen Kampf zu bestehen gegen den schutzzöllnerischen nationalliberalen Generalsekretär des Handels- und Gewerbevereins für Rheinland und Westfalen, Herrn Bueck. Schließlich siegte ich in der Stichwahl mit 11 421 gegen 10 005 Stimmen über denselben. An Rednern und Arbeitskräften hatte unsere Fraktion trotz ihres Rückgangs in der Gesamtzahl keinen Mangel; es waren u. a. gewählt Eysoldt, Freund (Breslau), Hänel, Günther (Nürnberg), Ludwig Löwe, Dr. Mendel, Müller (Gotha), v. Saucken-Tarputschen, Schulze- Delitzsch, Moritz Wiggers, Wöllmer.

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