Am Morgen nach dem 30. Juli

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Berliner Wespen, 2. August 1878

Nun ist die große Schlacht geschlagen,
Die große Wahlschlacht, wie bis heut
Noch keine tobte, man wird sagen
Von ihr bis in die spätste Zeit.

Man wird in spät’ster Zeit sie achten
Als eine That, die man vollbracht
Mit kühnem Muth, man wird ein Schlachten
Benennen diese Wählerschlacht.

Es rückten immer neue Schaaren
Von allen Seiten kühn heran,
Schwer war’s, zu zählen sie, es waren
Wohl zrveimalhunderttausend Mann.

Von weiten Reisen traf zur Stunde
Der Wähler ein zu dem Gefecht,
Selbst Bismarck kam, so geht die Kunde,
Zurück, — wovon? Man weiß nicht recht.

Vom Morgen bis zum Abend haben
Gekämpft wir brav und muthiglich,
Nun laßt die Todten uns begraben
Und pflegen die mit einem „Stich.“

Und dann laßt uns bei’m Morgengrauen
Das Schlachtfeld, welches wir bedeckt
Mit Zetteln, ruhig überschauen,
Und was der Kampf uns ausgeheckt.

Da sehen wir, — das Licht der Sonnen
Bringt’s an den Tag aus Nebelflor —
Daß man, was kämpfend ward gewonnen.
An einem andern Ort verlor.

Da sehen wir, — hast auch geschworen
Verlust Du, wack’rer Wählersmann, —
Daß man, was kämpfend ward verloren,
An einem andern Ort gewann.

Drum auf der Wahlstatt laßt errichten
Uns zur Erinn’rung einen Stein,
Der soll mit diesem Spruch, dem schlichten:
„Viel Lärm um Nichts!“ geschmücket sein.

Hintergrund

Am 30. Juli 1878 haben die Wahlen zum Reichstag stattgefunden. Zwar haben die „Berliner Wespen“ recht, daß es auch Bismarck nicht gelungen ist, die Verhältnisse wesentlich zu verändern. Allerdings geht die Opposition geschwächt aus der Abstimmung hervor.

Siehe auch:

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