Deutsches Hundstage-Blatt

Dieser Artikel wurde 2038 mal gelesen.

Berliner Wespen, 2. August 1878

Organ für saure Gurkenfreunde und todte Saisongenossen.

Politische Uebersicht.

Am Strande der Insel Cypern hat sich ein interessantes Ereigniß vollzogen. An derselben Stelle, an welcher sich einst die Venus aus dem Schaum des Meeres erhob, stieg plötzlich Eris mit dem Apfel, einer Frucht des Berliner Congresses, aus der Fluth und warf das bezeichnete Obst zwischen die Großmächte. [1]

Von Caprera kommt die Nachricht, daß Garibaldi gelobt habe, der Minerva, der Kriegsgöttin, für den Fall, daß Italien doch noch Etwas kriegen würde, einen neuen und zwar einen Halbparthenon zu errichten. [2]

Die Bewohner Meiningens sind sehr begierig, den Namen des Attentäters zu erfahren. Es wird von Vielen beabsichtigt, den Herzog dann zu bitten, fortan den Namen dieses unschuldigen Mitbürgers tragen zu dürfen.

Wie versichert wird, ginge Mac Mahon mit dem Plane um, sich zum Präsidenten in bonapartibus infidelium [3] wählen zu lassen. Gleichzeitig wird aus Paris gemeldet, daß die Regierung auf dem nächsten Congreß sich durch den Schah von Persien vertreten lassen würde, überzeugt, daß dieser nicht mit reinen Händen zurückkäme.

Die Versteigerung der Pretiosen Isabellens [4] ist zu Ende. Das allgemein verbreitete Gerücht, die hohe Dame würde auch die Perle von Meppen zum Besten des Peterspfennigs versteigern lassen, hat sich nicht bestätigt. Uebrigens behält sie, wenn sie auch viel losgeschlagen hat, doch jedenfalls noch die Amanten.

Italia irredenta. [5]

(Von unserm Römischen Specialcorrespondenten.)

Der italienischen Regierung ist zum Vorwurfe gemacht worden, daß sie, obgleich der Agitation der Italia irredenta nicht zustimmend, gegen die Schreier derselben fast kein einziges der ihr zustehenden Mittel in Anwendung bringt. Wie indeß verlautet, bereitet die Regierung nunmehr Maßregeln in dieser Hinsicht vor, um der Anschuldigung, in so wichtiger Angelegenheit gar nichts zu thun, wirksam zu begegnen. Folgendes sind die Grundzüge dieser Maßregeln:

1. Wer aufrührerische Plakate an eine Straßenecke anzukleben versucht, hat Seitens des nächststehenden Polizeidieners einen freundschaftlichen Händedruck zu gewärtigen.

2. Im Wiederholungsfalle ist der Polizeidiener angewiesen, dem Frevler sofort seine Dutzbrüderschaft auszudringen.

3. Fehlt es einem Individuum, welches beabsichtigt, derartige Plakate anzuheften, an Gummi arabicum oder Leim, so hat er es sich selbst zuzuschreiben, wenn ihm ein kgl. Beamter ein Töpfchen mit Klebstoff verabreicht.

4. Leute, welche sich in der Absicht, Triest und das Trentino hoch leben zu lassen, zu einem Meeting versammelt haben, dürfen nicht länger beisammen bleiben, als bis sie auseinandergehen.

5. Wer in einem solchem Meeting am lautesten schreit, hat eine Belohnung von 50 Centimes verwirkt.

6. Ueber Journale, Wochen- und Monatsschriften, welche Artikel zu Gunsten der Italia irredenta enthalten, soll unnachsichtlich der hochofficiöse Charakter verhängt werden.

Denunciatorischer Theil. [6]

Unter Berufung auf den betreffenden Paragraphen des Preßgesetzes erhalten wir folgende Zuschrift: „Nachrichten aus München, welche sich leider einer allgemeinen Verbreitung erfreuen, veranlassen mich, die mir in den Mund gelegten „Anch’io sono pittore!“ [auch ich bin ein Maler!] hiemit zurückzunehmen.

Ergebenst Correggio.

Um auch die lautlosen Majestätsbeleidigungen mit der ganzen Strenge des Gesetzes verfolgen zu können, sind bei einigen Gerichten unseres Vaterlandes je ein Richter angestellt worden, welcher der Fingersprache völlig mächtig ist. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß die sich durch Zeichen verständigenden Taubstummen sehr leicht Beleidigungen wagen können, welche sich naturgemäß dem Ohr des Denuncianten entziehen, doch nicht seinem Auge, wodurch es möglich geworden, daß in letzter Zeit Taubstumme dem Gericht übergeben werden konnten. Dadurch erklärt sich die oben mitgetheilte Thatsache zur Genüge.

Der Chef des Bureaus zur Empfangnahme von Denunciationen macht bekannt:

Es ist in letzter Zeit vorgekommen, daß Bürger die Meldung machten, es habe ihnen ein Individuum zu verschiedenen Malen auf offener Straße in Gegenwart von Zeugen „Guten Tag!“ zugerusen. Obschon nun nach dem Ausspruch des Staatsministers v. Goethe eine Reihe von guten Tagen nicht zu ertragen und in diesen Zurufen die Verbreitung von Mißvergnügen zu erblicken ist, so hat doch die Behörde darin keine Veranlassung gefunden, die Verhaftung des Betreffenden vornehmen zu lassen, und es darf daher in Zukunft öffentlich „Guten Tag!“ gesagt werden.

Wonach sich zu richten.

Schneider-Lied.

Ich bin ein Schneidergeselle,
Hab’ meines Gleichen nicht,
Handtier’ nicht mit die Elle,
Die ist mich viel zu schlicht.

Ich arbeit’ mit die Keule!
Wer meine Reden las,
Der fand in keiner Zeile
Je irgend welches Maaß.

So’n Handwerk ist nicht edel.
Einfädeln soll ich? Nein,
Ich nähe nichts, ich fädel’
Verschwörungen nur ein.

Reichsfeinde, Wehe, Wehe
Und nochmals Wehe Euch,
Denn nicht wie früher nähe,
Jetzt sprech’ ich dummes Zeug!

Grüneberg, Agitator. [7]

Neueste Nachrichten.

Wien. Zur Erinnerung an die Besetzung Bosniens und der Hercegowina hat Oesterreich beschlossen, das Trojanische Pferd in sein Wappen aufzunehmen. [8]

Constantinopel. Der Sultan ist Strohwittwer geworden. Rußland, Oesterreich und England haben ihm die bessere Hälfte abgenommen.

London. Der Unterstützungskrieger-Verein der Reptilien hat an den Prinzen Ernst August von Hannover eine Dankadresse für dessen Erklärung gelangen lassen, daß er den Welfenfonds bis an das Ende aller Hinterbeine Preußen überlassen wolle. [9]

Prag. Hier hat sich ein Verein gegen die Schleppen gebildet, dessen Mitglieder sich verpflichtet haben, kein Mädchen zu heirathen, welches ein Kleid mit Schleppe trägt. Die Mädchen brauchen also nur ein solches zu tragen, um vor dem Schicksal sicher zu sein, von einem Philister geheirathet zu werden.

Paris. Einer der größeren Restaurants am Marsfelde hat wegen schlechter Geschäfte sein Lokal geschlossen. Seine unverschämten Preise haben die Folge gehabt, daß die Besucher ihn satt bekamen.

Kirchbracht bei Gelnhausen. Es war berichtet worden, hier sei ein Bauer im Alter von 148 Jahren verstorben. Der Bürgermeister erklärt nun, es sei nicht wahr, hier habe weder ein solcher Mann gelebt, noch sei ein solcher hier verstorben. Also selbst ein Alter von 148 Jahren schützt nicht vor den Thorheiten der Reporter.

Bayreuth. Wagner hat der Schlesischen Volkszeitung sein Bedauern darüber ausgedrückt, daß nicht er den Artikel „Der jüdische Referendarius“ geschrieben habe, da es ihm zu Ohren gekommen sei, daß auch jüdische Referendarien sein Theater mit Geld unterstützt haben. [10]

Kissingen. Der Reichskanzler fragt eben den Nuntius Masella, wie er sich denn einen Modus vivendi denke.

1 Minute später. Der Nuntius antwortet: Wie wenn die Kirche der Staat wäre. [11]

Anmerkungen

[1] Großbritannien sichert sich Zypern auf dem Berliner Kongreß, das vorher zum Osmanischen Reich gehört hatte.

[2] Italien geht tatsächlich auf dem Berliner Kongreß leer aus.

[3] Wortspiel mit „in partibus infidelium“ = in den Weltteilen der Ungläubigen. In der katholischen Kirche werden mit dem Begriff Bischofssitze gekennzeichnet, die nicht mehr bestehen, aber weiterhin besetzt werden. Patrice de Mac-Mahon ist trotz dem irischen Namen der französische Staatspräsident, der erfolglos versucht, das bourbonische Königtum wiederherzustellen. Siehe auch: Wahlen auch in Frankreich

[4] Isabella II. ist die vormalige Königin von Spanien, jetzt im Exil in Frankreich. Siehe auch: Europäischer Polizeibericht der Berliner Wespen

[5] Als „Italia irredenta“ (unerlöstes Italien) wird die Kampagne in italienischsprachigen Gebieten, z. B. dem Tessin der Schweiz oder in Triest in Österreich-Ungarn für einen Anschluß an Italien bezeichnet. Von Seiten des italienischen Staates wird dies offiziell nicht unterstützt, aber inoffiziell schon.

[6] Nach den Attentaten auf den Kaiser bricht eine Epidemie von Denunziationen aus. Die „Berliner Wespen“ machen sich darüber wiederholt lustig, siehe z. B. Denunciations-Chronik und Bilder aus der Denunziantenzeit

[7] Der vormalige Sozialdemokrat Emil Grüneberg ist der Vorzeigearbeiter der von Hofprediger Stöcker gegründeten Christlich-Sozialen Arbeiterpartei, die um die Zeit auf antisemitischen Kurs geht. Siehe auch: Ein alter Bekannter taucht wieder auf

[8] Österreich-Ungarn erhält auf dem Berliner Kongreß Bosnien und die Herzegowina vom Osmanischen Reich. Die Vorhersage der „Berliner Wespen“ wird sich als visionär herausstellen.

[9] Als „Reptilien“ werden die offiziösen Presseorgane bezeichnet, die aus dem geheimen Welfenfonds finanziert werden und für die Regierung Propaganda machen. Der offizielle Zweck des Fonds ist die Bekämpfung des Welfenhauses, das seinen Anspruch auf Hannover nicht aufgeben möchte. Nach dem Tod des letzten Königs verzichtet auch dessen Sohn im englischen Exil nicht, sodaß die Reptilienpresse weiter ihr Auskommen haben wird. Siehe auch: Reptilien-Fütterung, Europäischer Polizeibericht der Berliner Wespen, Aus der Waschzettel-Mappe, Aus dem Verbrecherlexicon der Offiziösen, Die Reptilien für Bismarck, Die Zukunft des officiellen Tons und Die Reptilien gegen die Fortschrittspartei

[10] Die schlesische Zeitung verbreitet einen Artikel in Broschürenform, in dem gegen jüdische Juristen gehetzt wird. Angespielt wird hier auf den Antisemitismus Richard Wagners, der sich aber immer gerne von seinen jüdischen Bewunderern finanzieren läßt. Siehe auch: Zur Geschichte der Wagner-Vereine

[11] Der „Kulturkampf“ ist für Bismarck, aktuell wie meist in Kissingen im Urlaub, nicht mehr opportun. Ihm fehlen im Reichstag die Stimmen, um ungehindert seine Pläne durchsetzen zu können. Will er sich nicht mit den Nationalliberalen abgeben, so wäre das katholische Zentrum eine Alternative. In der folgenden Legislaturperiode spielt der Kanzler die beiden Parteien dann auch gegeneinander aus. Die Annäherung an den Vatikan gestaltet sich allerdings schleppend und wird sich noch über Jahre hinziehen.

Dieser Beitrag wurde unter 1878, Berliner Wespen, Geschichte, Satire veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar