Hofprediger Stöcker am Ende?

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Allgemeine Zeitung des Judenthums, 6. August 1878

Berlin, 22. Juli. (Privatmitth.) Nichts ist einfacher, als die Reihe der Mittelchen, durch welche sich eine Partei oder ein Parteichen ins Leben einzuführen versucht. Man bildet einen Verein, man hält öffentliche oder Parteiversarnmlungen, man gründet ein Blatt, sei es auch nur ein Blättchen. In einer großen Stadt, wie Berlin, findet man leicht einige Leute, welche aus den verschiedensten Motiven einen Verein bilden, oder einen solchen vorstellen. Hat man einen oder mehrere Redner oder Schwätzer, so sind Versamrnlungen schnell arrangirt. Seitdem die Caution für die Zeitschriften und der Zeitungsstempel aufgehoben sind, gehört nur ein geringer Speculationsmuth dazu, ein Blättchen zu gründen. Eine Hauptsache dabei ist, so recht ausreizende Aeußerungen, Schlagwörter heftiger Art in den Versammlungen und in dem Blatte loszulassen, um in der gegnerischen Presse eine lebhafte Besprechung hervorzurufen, was zu einer unbezahlten Reclame dient. Viele Erscheinungen würden einen Tag nach ihrer Geburt vergessen werden, wenn die allgemeine Presse nicht immer wieder davon gesprochen hätte. Seitdem z. B. der sogenan[n]te Culturkampf und die Germania nicht mehr täglich in den Zeitungen erscheinen, da man sich nicht mehr für sie interessirt, wenigstens die Blätter andere wichtige Gegenstände zu besprechen haben, wie viel haben jene da an Bedeutung verloren, wie viel ist von ihrem Feuer erloschen? Hat nun das neu erstandene Parteichen diese Mittel erschöpft, ohne sich einen bleibenden Platz errungen zu haben, so geht es schnell mit ihm zu Ende. Dies ist das Schicksal der seit einigen Monaten erstandenen „christlich-sozialen Partei.“ Als Verein hat sie nur geringes Terrain erobert, da sie selbst unter den Muckern nur die äußersten Enden sich anzueignen befähigt war. Die Versuche des Hofpredigers Stöcker, auch außerhalb Berlins Freunde zu gewinnen, ist ihm selbst im Wupperthale mißlungen. Die „Conservativen“ lassen sich alle Fractiönchen gefallen, die ihre Masse, welche bekanntlich nur schwach ist, vermehren zu können scheinen, und haben daher die Existenz auch dieses conservativ verschrobenen Vereines gelten lassen, ohne ihn wesentlich zu unterstützen. Sie räumten dem Herrn Stöcker auch einen verlorenen Posten als Reichstagscandidat in einem Berliner Wahlbezirk ein. Noch schneller verliefen sich die Versammlungen dieser Partei im Sande. Jüngst schrieb sie eine Wählerversammlung aus, zu der sich wirklich einige zwanzig Personen einfanden, und unter diesen hatten sich auch einige Sozialdemokraten eingestellt. Einer der letzteren nahm nach der Rede des Vorsitzenden das Wort, und da ihm der Vorsitzende dies nicht zu entziehen vermochte, weil es eine Wählerversammlung war, so sah er sich bewogen, die Versammlung zu schließen. So blieb denn auch nichts übrig, als auch ein Blättchen zu gründen, und dies erscheint seit dem 1. Juli unter dem prunkenden Namen: „Deutsche Volkswacht“, welchem der bescheidene folgt: „Organ der christlich-sozialen Partei.“ So wie in ihren Vereinsreden, hatte auch dieses Blatt nichts Eiligeres zu thun, als zu erklären, daß es den Kampf gegen die Juden führe, gegen „das Ueberwuchern des Judenthums und die durch dasselbe gemachte öffentliche Meinung.“ Die „D. Volkswacht“ wird sehen, daß ihr selbst dieses bei den Conservativen so beliebte Kampfmittel nichts helfen wird: es ist bereits zu sehr abgenutzt, und bei dem geringfügigen Vorrath an Geist, der dem Blatte, wie es selbst beweist, zu Gebote steht, weiß es demselben auch nicht die geringste neue Seite abzugewinnen. Die ganze Presse, die nicht zu der neuen kleinen Partei gehört, als von jüdischen Redakteuren und Mitarbeitern beherrscht  auszugeben, ist zu ost wiederholt und dabei zu absurd, als daß es noch verfangen könnte. Zu sagen, daß die Juden alle dominirenden Stellungen einnehmen, springt dem Volke, wenn es sich umsieht, zu sehr als lügenhaft in die Augen, um noch irgend einen Eindruck zu machen. Gewiß, wenn es wahr wäre, was das Blättchen sagt, daß bereits „mindestens zwei Dritttheile unserer Bevölkerung von der Verjüdung ergriffen seien“, würde es wohl schwerlich im Stande sein, dies zu ändern. Nur einen Hort hat diese Partei noch, nämlich, daß sie die Lächerlichkeit nicht scheut. Oder ist es nicht lächerlich, wenn die „D. Volkswacht“ behauptet, der Kampf gegen die jüdischen Literaten und Journalisten, ja gegen die Juden überhaupt, sei „nur mit einer gewissen Lebensgefahr“ zu beginnen? Wahrscheinlich fühlt die „Volkswacht“ ihren nahen Tod voraus, und will mit einem heroischen Anstrich sterben, indem sie durch die Juden eines unnatürlichen Todes für die heiligen Sache zu sterben mit tragischer Maske vorstellt. Bei allem ihren Widerwillen gegen die Juden kann das Blatt doch nicht umhin, das Judenthum sofort zu bestehlen, indem es zu seinem Motto wählt: „liebe deinen Nächsten als dich selbst“, ohne anzugeben, daß es dies aus 3 Mos. 19, 18 entnommen habe. Nun, noch einige Athemzüge, und das kurze Dasein ist vollendet.

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