An unser liebes Berlin

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Berliner Wespen, 2. August 1878

Socialdemokratisches Flugblatt.

Berliner! Ihr seid unser!

Reichsfeinde! Wir grüßen Euch! Brüder! Wir drücken Euch die biedere Linke!

Wir drücken nicht die Rechte, das mag der faule Bourgeois thun, der elende Reichsfreund, der gemeine Schlotjunker, denn diese Kerle sitzen auf der Rechten!

Berliner! Ihr habt Hasenclever nicht gewählt. Das freut die Besitzenden, die Sichwälzer auf den gestohlenen Sammetkissen, die sich in den Wittwenthränen Badenden; das freut sie, weil sie Euch nicht verstehen. Es freut auch uns, aber: weil wir Euch verstehen! Ihr wolltet nicht, daß ein Mann wie Hasenclever, ein Hort des Rechts, ein Messias der Freiheit, eine Morgenrothhaut, der Posaunist des kommenden jüngsten Gerichts, im Reichstage sitzen soll zwischen den Elenden, welche die Volksrechte verkaufen zu Schleuderpreisen. Ihr wolltet nicht, daß Hasenclever von ihnen verdorben werde und verloren gehe für die heilige Sache der Commune, der Geißelfüsilirung, der Schlössertrümmer!

Ihr habt Hasenclever, den Garibaldi des 6. Berliner Wahlbezirks, den Victor Hugo der untersten Steuerstufe, aus den Klauen der Volksverräther gerettet, Ihr habt ihm die Thür des Reichstags verschlossen, damit er in dieser Höhle aller Laster nicht umkomme.

Berliner! Wir verstehen Euch!

Berliner! Wir drücken Euch den Bruderkuß auf die Denkerstirn!

Hintergrund

Die Sozialdemokraten haben bei der Wahl 1877 zwei der sechs Berliner Wahlkreise der Fortschrittspartei abgenommen. Bei der Wahl 1878 verlieren sie bereits im ersten Wahlgang einen wieder, für den sich Wilhelm Hasenclever beworben hatte. Die „Berliner Wespen“ parodieren hier die vollmundige Sprache der Sozialisten, wenn es gilt, eine Niederlage in einen Sieg umzudeuten.

Siehe auch:

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