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Berliner Wespen, 22. November 1878

Ohne Deficit.

In der gestrigen ersten Sitzung des Abgeordnetenhauses kam es zu stürmischen Scenen, wie solche seit der grauen Conflictszeit nicht erlebt worden sind. Der Grund war folgender.

Man hatte natürlich wie alljährlich erwartet, daß der Finanzminister das Vorhandensein eines Deficits von über 50 Millionen signalisiren und Vorschläge zu dessen Deckung machen würde. Daran war das Abgeordnetenhaus seit seinem Bestehen gewöhnt. Wie erstaunt waren aber die Abgeordneten, als der Finanzminister unter dem Ausdruck des Bedauerns erklärte, es sei ihm mit dem besten Willen nicht möglich gewesen, ein Deficit aufzufinden, und es sei also auch keines zu decken. Es entstand, als der Finanzminister geendet hatte, ein arger Tumult, und Ausrufe wie: „Unsinn!“ „Mißwirthschaft“ „Schlimme Neuerungen“ wurden laut. Die Glocke des Präsidenten bemühte sich umsonst, die Ruhe wieder herzustellen. Als dies endlich gelungen war, stellte das Mitglied der äußersten Rechten, Graf D., den Antrag, den derzeitigen Finanzminister in Anklagezustand zu versetzen unter der ausdrücklichen Motivirung, daß das Nichtvorhandensein des landesüblichen Deficits verfassungswidrig sei. Man sieht dem Rücktritt des Finanzministers stündlich entgegen.

Das Scheibenzertrümmern.

Noch um das Ende des Jahres 1878 gehörte es zu den sehr seltenen Fällen, daß Obdachlose, um während der harten Jahreszeit nicht im Freien nächtigen zu müssen, einen Stein ergriffen und denselben in eine möglichst große und kostbare Spiegelscheibe schleuderten. Diese Unthat führte natür- lich die Verhaftung des Frevlers herbei und hatte die Folge, daß er der Sorge um Obdach und Beköstigung überhoben war. Diese Unsitte ergriff leider immer größere und endlich auch die gebildeten Kreise, da sie sich allerdings als durchaus praktisch bewährt hat.

So zogen gestern die Mitglieder des „Vereins Berliner Künstler“, welcher bisher bekanntlich obdachlos war und endlich alle gesetzlichen Mittel, einen Platz zur Errichtung eines Künstlerhauses zu erlangen, erschöpft hatte, vor das Cultusministerium und begannen unter Anführung des Direktors der königlichen Akademie, daselbst die Fensterscheiben zu zertrümmern. Endlich erschien an einem der Fenster, welches nun nicht mehr geöffnet zu werden brauchte, der Cultusminister und fragte, was dieser Exceß bedeuten solle. Alsbald trat eine bereits ernannte Commission vor und setzte die Bedeutung der Scheibenzertrümmerung auseinander. Der Cultusminister versprach, die Angelegenheit zu prüfen, und heute Morgen eröffnete er den Künstlern, daß ihr Wunsch als gerecht gewährt worden sei. Zugleich wurde ihnen ein passendes Grundstück zur Errichtung eines Künstlerhaufes überwiesen.

Die Tingeltangel.

Man wird sich wohl noch des Briefes erinnern, welchen im November 1878 der Direktor des Théatre Historique und des Chatelet, Castellano, an den Minister der schönen Künste richtete. In diesem Schreiben wurde auseinandergesetzt, daß der Verfall des französischen Theaters den Singspielhallen und ähnlichen, bei uns als Tingeltangel bezeichneten Etablissements zuzuschreiben sei. Man hat dieses Schreiben weder in Paris, noch in Berlin beachtet, und man wird sich daher nicht darüber wundern dürfen, daß die Folgen nicht ausgeblieben sind.

Es haben sich nämlich die Besitzer unserer 257 Tingeltangel an den Cultusminister mit der Bitte gewendet, derselbe möge endlich geeignete Schritte thun, um die Aufführungen von klassischen Dramen und Opern, wie von modernen Schau- und Lustspielen zu verhindern, da den Tingeltangeln dadurch eine beträchtliche Anzahl von Besuchern entzogen werde. Es wurde zum Beweise dafür angeführt, daß am Abend der Aufführung des Goethe’schen Faust im Opernhause mehrere Logen in den Tingeltangeln unverkauft geblieben seien. Wird der Cultusminister diese überraschende Eingabe berückstchtigen, resp. gegen die Aufführungen ernster dramatischer Werke einschreiten?

Ein Fürst ohne Attentat.

Großes Aufsehen erregt in den Schaufenstern der hiesigen Kunsthandlungen das Portrait des Königs von Dahomey als des Fürsten, auf den, wie die Unterschrift bemerkt, noch kein Attentat unternommen worden ist. Diese überraschende Thatsache erklärt sich dadurch, daß, wie Pariser Blätter aus Klein-Popo, einer Stadt in Ober-Guinea, melden, dieser König andauernd große Metzeleien unter seinen Unterthanen anrichte, so zwar, daß er in einem einzigen Monat 500 Menschen hingeschlachtet habe. Trotzdem ist gegen diesen König noch kein Attentat verübt worden, sondern derselbe ist im Gegentheil der einzige Attentäter seines Landes.

Alles stiehlt!

Dies ist die Quintessenz des Artikels, welchen Terentjew über das Hauptleiden Ruszlands , den Diebstahl an Staatseigenthum, im „Rußkij Mir“ veröffentlicht hat. Es heißt in dem Artikel: „Wie man einen Stein in Rußland werfen mag, immer trifft man einen Spitzbuben.“

Als ein tröstliches Zeichen der Zeit haben wir nun mitzutheilen, daß sich dennoch ehrliche Männer gefunden haben. Dieselben haben die Regierung aufgefordert, ihnen die Gefängnisse einzuräumen, damit sie in diesen sich niederlassen und nicht mit den sogenannten Kron-Entwendern verwechselt werden können. Die Idee überrascht, ihre Ausführung ist aber leider eine dringende Notwendigkeit.

Die Folgen Buschs.

Der Reichskanzler sagt bekanntlich zur Verhinderung neuer Tagebuschblätter in Gegenwart von Leuten seit dem November 1878 stets das Gegentheil von dem, was er denkt. Leider hat er in letzter Zeit dieses Prinzip auch auf ganz gewöhnliche Dinge ausgedehnt und zwar derart, daß seine Umgebung ernste Besorgnisse hegt. Er begrüßt Morgens seine Geheimräthe mit einem herzlichen „Gesegnete Mahlzeit!“, oder: „Ich habe heute Nacht recht gut getanzt“, und setzt sich, wenn er Gäste hat, mit den Worten: „Schlafen Sie wohl!“ zu Tisch. Will er von irgend einer Schüssel ein zweites Mal vorgelegt haben, so reicht er seinen Teller hin, indem er sagt: „Danke, ich mag nicht mehr.“ Zum ersten Mal fiel dieser bedauerliche Zustand auf, als der Reichskanzler neulich von Varzin zurückkehrte nnd Herrn Lothar Bucher mit dem Gruß „Auf Wiedersehen!“ die Hand drückte.

Solchen Thatsachen gegenüber gewinnen die Gerüchte von dem Rücktritt des Staatsmannes natürlich an Glaubwürdigkeit, und es ist ein schlechter Trost für das Land, daß Herr Dr. Busch gestern in voller Rüstigkeit das Fest seiner hundertsten Duellablehnung gefeiert hat.

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