Petition für Frauenstudium in Baden

Dieser Artikel wurde 3808 mal gelesen.

Neue Freie Presse, Wien, 15. März 1890

[Frauenstudium.] Man schreibt uns aus dem Großherzogthum Baden, 13. März: Unserer zweite Kammer verhandelte gestern über die Petition des Allgemeinen deutschen Frauenvereins in Leipzig, „den Frauen den Zutritt zum ärztlichen und dem wissenschaftlichen Lehrberuf durch Freigebung und Förderung des dahin gehenden Studiums zu ermöglichen.“ Der Berichterstatter der Commission stellte namens derselben den Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung, indem er ausführte, die Commission betrachte die Angelegenheit nicht als Rechtsfrage, sondern vom Standpunkt der Zweckmäßigkeit aus. Es seien für Frauen bereits genügende Erwerbszweige vorhanden; dieselben eigneten sich im Allgemeinen nicht für den höheren Lehrberuf; jedenfalls müßten für sie die gleichen Vorbildungsstufen verlangt werden, wie von den Männern, das heißt es wären Frauen-Gymnasien zu gründen, und das gehe nicht an. Auch sei der Zudrang zum akademischen Studium ohnehin schon so stark, daß es bedenklich sei, denselben noch zu steigern. Auch ästhetische Gründe sprächen gegen das Verlangen der Bittsteller, und überdies sollte das kleine Baden in dieser Frage nicht selbstständig vorgehen, sondern dem Reiche die Initiative überlassen. Der national-liberale Kammerführer Kiefer trat sehr warm für das Gesuch ein. Das darin Verlangte werde noch kommen, ob man jetzt dafür stimme oder nicht. Außer Ungarn, der Türkei und Deutschland gebe es keinen Staat in Europa, der in dieser Frage eine solch ablehnende Stellung bekunde, wie Deutschland. Wären die Frauen schon längst zum höheren Studium zugelassen worden, so hätte man auf wissenschaftlichem Gebiete viel größere Erfolge erzielt. Weder physische noch intellectuelle Unzulänglichkeit der Frauen könne geltend gemacht werden: der Redner führte dafür Beweise an. Die Scandale, von denen man über Studentinnen in der Schweiz erzähle, gehörten in das Gebiet der Fabel oder seien übertrieben; früher mögen ausnahmsweise Ungehörigkeiten vorgefallen sein, jetzt gehe Alles seinen geordneten Gang. Er, der Redner, beantrage empfehlende Ueberweisung an die Regierung. Der Vertreter der letzteren betonte, daß sie die Berechtigung des Gesuches anerkenne, daß jedoch die badische Regierung keine Veranlassung habe, in dieser Frage einseitig vorzugehen, sondern glaube, die Initiative des Reiches abwarten zu sollen, welch letzteres sicher bald an diese Frage herantreten werde. In ärztlicher Hinsicht könne sich die Regierung im Allgemeinen mit dem Gesuch einverstanden erklären, philologischer Beziehung habe sie schwere Bedenken, doch werde sie die Frage unausgesetzt im Auge behalten. Der Commissions-Antrag, d. h. die Ablehnung der Petition, gelangte schließlich zur Annahme, doch nur in dem Sinne, daß Baden nicht einseitig vorgehen wollte. — Durch die Reden der Gegner zog wie ein rother Faden die Besorgniß, die Männer könnten auf wissenschaftlichem Gebiete, besonders in der ärztlichen Praxis, zurückgedrängt werden, was sich etwas sonderbar ausnimmt gegenüber der andererseits behaupteten physischen und intellectuellen Unzulänglichkeit der Frauen. — Der Regierungsrath in Basel hat dieser Tage die Frage erledigt, indem er die Zulassung des Frauenstudiums an der dortigen Hochschule (zunächst für solche, welche sich an den Schulen in Basel dafür vorbereiteten) genehmigte.

Anmerkungen

Ab 1900 durften Frauen dann auch in Baden als erstem deutschen Staat studieren, ab 1904 in Württemberg und erst ab 1908 in Preußen. Mit Sondergenehmigungen hatten Frauen allerdings schon vorher bisweilen sogar promovieren dürfen, die erste 1754.

Die Schweiz war hier schon lange weiter. Seit 1863 konnten sich Frauen einschreiben. 1867 promovierte Nadeschda Prokofjewna Suslowa an der Universität Zürich in Medizin und die erste Schweizerin dann 1874. Auch in anderen Ländern waren Universitäten seit langem für Frauen offen. So war die University of Iowa bereits 1855 koedukativ. Der Zugang war für Frauen frei seit 1871 in Neuseeland, 1873 in Schweden, 1875 in Dänemark, 1876 in Großbritannien, den Niederlanden und Italien, 1877 in Chile, 1879 in Brasilien, 1880 in Australien, Frankreich und Kanada, 1883 in Rumänien, 1884 in Norwegen, 1887 in Mexiko, 1888 in Serbien und 1890 in Griechenland. Deutschland stellte hier die letzte Nachhut. Immerhin durften Frauen ab 1891 mit Genehmigung Vorlesungen hören.

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1890, Bildung, Deutschland, Geschichte, Gleichberechtigung, Schweiz, Wissenschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar