Eine ergötzliche Wahlgeschichte

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Berliner Gerichtszeitung, 15. März 1890

— Eine ergötzliche Wahlgeschichte aus der Zeit der letzten französischen Wahlen wird in einem Pariser Blatte erzählt. In einem kleinen Orte der Provence ist es seit fast zwanzig Jahren der sehnlichste Wunsch der Gemeinde, eine Station der hart an dem Ort vorbeiführenden Eisenbahn zu erhalten. So oft die Wahlen für die Kammer ausgeschrieben waren, wurde hier ein Kandidat nicht danach gefragt, ob er Monarchist oder Republikaner, gemäßigt oder radikal sei, sondern ob er in der Kammer dahin wirken werde, daß der Ort eine Eisenbahnstation erhalte. Der Kandidat, der dies versprach, wurde natürlich gewählt. Sobald der Abgeordnete aber in der Kammer saß, dachte er nicht mehr an die kleine Gemeinde, ihre Eisenbahn und ihre Station, so daß, als das Mandat abgelaufen war, der Schnellzug nach wie vor an seinem Wählern vorbeibrauste. Was war natürlicher, als daß ein Gegen-Kandidat sich den Umstand zu nutze machte und unter entrüsteter Hinweisung auf das gebrochene Wort des Abgeordneten sich aufs angelegenlichste mit dem Versprechen empfahl, er werde ganz bestimmt die Station erwirken. das war eine Verlegenheit für den Abgeordneten, aber nicht lange. Als der Wahltag heranrückte, stellte er sich den Wählern neuerdings vor. Er wisse, sagte er, sein Gegner habe dem Orte eine Station versprochen; aber was wolle das bedeuten? Eine Station hätte er bei seinen Verbindungen mit dem Ministerium längst haben können; aber seine Wünsche gingen höher, seine Fürsorge für die Wähler weiter. Was sei für einen so intelligenten, gewerbsfleißigen, aufblühenden Marktflecken eine Station? Der Ort müsse einen Bahnhof erhalten und die Abzweigung einer längst projektierten Flügelbahn! Er wolle nicht Abgeordneter sein, wenn die Gemeinde nicht einen Bahnhof erhalte. Die guten Provençalen steckten die Köpfe zusammen. „Einen Bahnhof!“ riefen die einen. „Und eine Flügelbahn!“ sagten die anderen. „Ja, wir müssen einen Bahnhof bekommen!“ sagten die anderen. „Ja, wir müssen einen Bahnhof bekommen!“ Und mit diesem begeisterten Rufe wurde der Abgeordnete zu zweiten Male gewählt. Aber die Session ging wieder zu Ende, und es war keine Rede vom Bahnhofe, von der Flügelbahn, nicht einmal von der Station, sondern die Lokomotive pfiff noch immer an den betrogenen Provençalen vorbei, als wollte sie sie verhöhnen. Es kam wieder der Wahltag heran, und diesmal war guter Rat noch teurer als sonst. Aber unser Deputierter verlor den Mut nicht. Am Morgen des Wahltages vollzog sich in dem kleinen Orte ein großes Ereignis. Ein Karren, mit Ziegeln beladen, gezogen von einem fremden Pferde und geführt von einem fremden Kutscher, fuhr langsam durch den Ort nach dem Feld hart an der Eisenbahn. Nach einer Weile folgte ein zweiter mit Sand beladener Karren und nach diesem ein dritter, welcher Kalk geladen hatte. „Was wird denn gebaut?“ fragten die Leute den fremden Kutscher. Er wisse es nicht, meinte dieser; aber er habe gehört die Ziegel seien für den neuen Bahnhof des Ortes bestimmt. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht, man bringe schon das Material für den Bahnhof des Ortes; die ganze Gemeinde lief auf das Feld, und im Angesicht der Ziegel, des Kalks und des Sandes wurde unter dem begeisterten Zuruf der Provençalen der Abgeordnete zum dritten Male gewählt. Nach den drei Karren ist aber keiner mehr erschienen. Die Ziegel, der Sand und der Kalk liegen heute noch auf dem Felde bei der Eisenbahn; aber der Zug braust noch immer, ohne anzuhalten, an dem Orte vorbei. Das wird aber nicht hindern, meint das Blatt, welches die Geschichte erzählte, daß der Herr Abgeordnete zum vierten Male gewählt werden wird.

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