Theaterpläne

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von Alexander Moszkowski, 1912

Wir veröffentlichen hier die Liste derjenigen Unternehmungen, die vom 1. September bis Mitte Oktober eröffnet werden sollen.

Das Frührot-Theater in der Friedrichstraße. Eine künstlerische Zuflucht für alle die Tausende, die nach dem anstrengenden Souper mit anschließendem Aufenthalt in einer Bar noch eine gesunde Bühnenkost zu sich nehmen wollen. Beginn der Vorstellung 3 ½ Uhr morgens. Fortfall der Droschken-Nachttaxe bei der Heimkehr. Direktoren: die rühmlichst bekannten Nachtcafé-Pächter Bums und Hahnenkraht.

Das Rotations-Theater am Spittelmarkt. Mit drehbarer Bühne, die sich so schnell dreht, daß die Trikot-Mädchen zum Gaudium der Besucher durch die Zentrifugalkraft ins Parkett fliegen. Repertoir: Drehstücke mit sechsfach verdrehbarem Schluß, unter denen sich der Zuschauer einen aussuchen darf.

Das klangsichere Opernhaus in der Taubenstraße. Ohne Orchester und Gesangspersonal. Mit wirksamen Vorrichtungen gegen jedes Eindringen von Musik und sonstigen kompositorischen Belästigungen.

Das Garantierte Durchfalls-Theater. Unter den Linden. Ein Labsal für alle, die keinen Erfolg mögen und gern zehn Mark bezahlen, um ein Fiasko mit „Trömmelche“ zu erleben. Zur Ausführung kommen lediglich solche Werke, die bereits im Ausland einen brillanten Zisch-Erfolg erstritten haben.

Das Naturtheater am Tegeler See. Mit Ausblick auf das Strafgefängnis. Gespielt wird nur in der Zeit der scharfen Übungen auf dem Artillerie-Schießplatz.

Die Verkehrte Oper des Westens. Zur Aufführung gelangen Opern der Neuromantiker mit der Maßgabe, daß die Partituren und Stimmen verkehrt aufs Pult gelegt und verkehrt abgespielt werden. Prognose: ein immenser, seit vielen Jahren nicht mehr erlebter Wohlklang, ein wahres Schwelgen in Harmonie.

Das Armeleutgestank-Theater in der Parochialstraße. Repertoire: Einakter und Keinakter von gesunder volkstümlicher Tendenz, die das Hungersterben sämtlicher Darsteller in sämtlichen Stücken veranschaulicht.

Das Undeutliche Theater an der Weidendammer Brücke, in dem kein Mensch ein Wort verstehen soll. Die Bühne, auf der Mimen mit chronischer Rachenbräune in die Kulissen hinein halblaut deklamieren, ist durch einen schalldämpfenden Schleier gegen das Auditorium geschützt.

Das Dialekt-Theater am Schlesischen Bahnhof. In Vorbereitung: „Tasso“, „Iphigenie“ und „Elektra“ in schlesischer Mundart. Die Stücke spielen sämtlich am großen Koppenteich.

Das Ehebruchs-Theater für Backfische wird wahrscheinlich mit dem „undeutlichen Theater“ verschmolzen werden, damit die Intimitäten des Dialogs den jungen Damen verborgen bleiben.

Das Wertheim-Theater. Parkettpreis 69 Pfennige. Wer gleichzeitig ein Dutzend Klappsitze kauft, erhält einen Souffleurkasten gratis.

Das Dramatische Variété am Dönhoffsplatz. Première: Uriel Acosta am Schwebereck; hierauf Sodoms Ende im Looping the Loop.

Das Gänsehaut-Theater an der Anatomie (Direktion: Frank Wedekind), verbunden mit einem Sanatorium ersten Ranges und einer Station für erste Hilfeleistung bei epileptischen Anfällen.

Das Historische Kostüm-Theater. Fest engagiert: 150 Kostümschneider. Eröffnung: sobald ein Bauterrain an einer noch theaterfreien Straßenecke gefunden ist. Rauchen und Handlung verboten.

Das Darmsaiten-Theater am Gendarmen-Markt. Der Direktor und erste Darsteller, Herr Ferdinand Bronn, ist Virtuose auf der Kniegeige und wird es so einrichten, daß er in jeder Heldenrolle ein Cello zwischen die Beine bekommt.

Die Grusel-Operette am Weinbergsweg. Sie wird den Beweis führen, daß man aus den ernstesten Stoffen die komischsten Wirkungen zu ziehen vermag. Die Proben zum „Bethlehemitischen Kindermord“ oder „Was beißt mich da?“ haben bereits begonnen. Einfach zum Totlachen.

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