Der Kaiser gegen Mißhandlung von Soldaten

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Berliner Tageblatt, 16. März 1890

Von Tag zu Tag mehren sich die Kundgebungen unseres Kaisers, welche ihn als einen von humanen und durchweg modernen Anschauungen durchdrungenen Regenten erscheinen lassen. So bringt heute das Kriegsministerium nachstehende Kabinetsordre, betreffend Bestrafungen wegen Mißhandlungen Untergebener, zur Kenntniß der Armee:

Ich habe aus den Mir von den kommandirenden Generalen eingereichten Nachweisungen über die Bestrafungen wegen Mißhandlung Untergebener ersehen, daß die Bestimmungen der Ordre vom 1. Februar 1843 noch nicht durchweg in dem Geiste aufgefaßt und gehandhabt wird, in dem sie gegeben worden sind. In Meiner Armee soll jedem Soldaten eine gesetzliche, gerechte und würdige Behandlung zu Theil werden, weil eine solche die wesentliche Grundlage bildet, um in demselben Dienstfreudigkeit und Hingebung an den Beruf, Liebe und Vertrauen zu den Vorgesetzten zu wecken und zu fördern. Treten Fälle von fortgesetzten systematischen Mißhandlungen Untergebener hervor, so haben Mir die kommandirenden Generale bei Einreichung der Nachweisungen zu berichten, welchen Vorgesetzten die Verantwortung mangelhafter Beaufsichtigungen trifft und was ihrerseits gegen denselben veranlaßt worden ist. Sie haben hiernach das Erforderlichste zu veranlassen und den kommandirenden Generalen auch die Bemerkungen, zu welchen Mir die letzten Nachweisungen Anlaß gegeben haben, zugehen zu lassen.

Berlin, den 6. Februar 1890.

Wilhelm.

An den Kriegsminister.

Auch in diesem Erlaß des Kaisers kommt eine hocherfreuliche Uebereinstimmung des Monarchen mit jenen Ueberzeugungen zur Erscheinung, welche seit Jahren und noch in der jüngst abgelaufenen Reichstagssession von den Vertretern der deutsch-freisinnigen Partei im Reichstage mit allem Nachdruck vertreten worden sind. Man erinnert sich noch der einschlägigen großen Debatten, in denen die Abgeordneten Rickert und Richter die zahlreichen Beschwerden über Mißhandlungen einzelner Soldaten während ihrer Dienstzeit muthvoll zur Sprache brachten. Die obige Kabinetsordre  ist der beste Beweis dafür, daß die Worte der freisinnigen Volksvertreter beim Kaiser nicht auf jene Voreingenommenheit stoßen, die ihnen sonst wohl die politische Wirksamkeit erschwerten, und so enthält auch diese kaiserliche Maßnahme eine neue Mahnung für die Wähler, durch die Wahl unabhängiger freisinniger Abgeordneten der ungeschminkten Wahrheit den Weg zum Throne bahnen zu helfen.

Siehe auch: Das Wort hat der Abgeordnete Richter: Gegen Mißhandlungen von Lehrern in der Armee

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