Verurteilung wegen Majestätsbeleidigung

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Berliner Tageblatt, 16. März 1890

Wegen Majestätsbeleidigung hatten sich am Freitag vor der Potsdamer Strafkammer der verantwortliche Redakteur der freisinnigen „Potsdamer Nachrichten“ Emil Flachs und der Redakteur und Verleger dieses Blattes Dr. Feodor Rosenbaum zu verantworten. Die Vorgeschichte dieses Prozesses ist interessant. Am 21. Juli v. J. erschien in den „Potsdamer Wespen“, einer Beilage der „Potsdamer Nachrichten“, ein Artikel, der unter dem Spitznamen Naucke und mit der Abbildung dieser komischen Figur, sich über eine Reise nach dem Südpol ausließ. Die Staatsanwaltschaft fand hierin eine schwere Majestätsbeleidigung und beantragte gegen den Angeklagten ein Jahr Gefängniß. Der Vertheidiger, Rechtsanwalt Munckel, bestritt das Vorhandensein einer Beleidigung. Der Artikel bezwecke weiter nichts, als die byzantinische Berichterstattung hinsichtlich einzelner unbedeutender Vorfälle an Bord des „Hohenzollern“ lächerlich zu machen. Der Gerichtshof erkannte nach langer Berathung gegen Dr. Rosenbaum, der als Verfasser des Artikels betrachtet wurde, auf vier Monate Festungshaft, gegen Flachs, als Mitthäter, auf zehn Wochen Festungshaft.

Anmerkung

Bei dem Rechtsanwalt Munckel handelt es sich um den August Munckel (1837-1903), Mitglied des Reichstags, der Preußischen Abgeordnetenhauses, des Brandenburgischen Provinziallandtags und der Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung für die Deutsch-Freisinnige Partei, der auch in anderen politischen Prozessen Angeklagte verteidigt.

Siehe auch: Das Wort hat der Abgeordnete Eugen Richter: Gegen eine Yacht für den Kaiser

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