Der Phonograph als Grabredner und verkaufte Kinder

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Neue Freie Presse, Wien, 17. März 1890

[Der Phonograph als Grabredner.] Die originellste Anwendung des Phonographen wird aus Newyork gemeldet: Ein zu Larchmont im Staate Newyork wohnhafter Geistlicher, Rev. Thomas Allan Horne, der dort vor einigen Wochen im Alter von 77 Jahren starb, hatte ausführliche Weisung hinterlassen, wie bei seiner Leichenfeier verfahren werden solle. Ein Theil derselben bestand in einer von ihm selbst verfaßten Leichenrede, die er gesprochen dem Phonographen anvertraut hatte. Dem Neffen war aufgetragen, den mit der Leichenrede versehenen Phonographen im Trauerlocal aufzustellen und im rechten Augenblicke in Function zu setzen. Die Freunde des Verstorbenen waren versammelt, und alles ging nach dem Programm. So eindrucksvoll war das geheimnisvoll Gehörte, daß Alle tief erschüttert waren, als die wohlbekannte Stimme des beliebten Geistlichen wie früher von dem Lande sprach, „wo die Gottlosen keinen Kummer mehr bereiten und die Müden in Ruhe sind“. Uebrigens hatte der wackere Verfasser dieser eigenartigen Leichenrede es auch nicht versäumen wollen, dem Verstorbenen für seine Tugenden das übliche Lob zu spenden, war aber offenbar im Augenblicke, wo er davon sprach, von Rührung überwältigt worden und zusammengebrochen, denn plötzlich brach der Phonograph in ein heftiges Schluchzen aus, das übrigens so natürlich war, daß es die anwesenden Zuhörer mit ergriff, wodurch die Leichenfeier ein vorzeitiges Ende fand. So melden amerikanische Blätter, bei welchen allerdings Dichtung und Wahrheit häufig ineinanderspielelt.

[Verkaufte Kinder.] Aus Trient schreibt man den „Neuen Tiroler Stimmen“: Als vor einigen Tagen in Ala ein Zug aus Italien ankam, fand die Polizei in einem Coupé dritter Classe einen Mann mit fünf weinenden Knaben. Der Mann Namens Bastini Giovanni von Bagni gestand, die Kinder in der Provinz Lucca gegen Oel von den Eltern eingetauscht zu haben. Auch habe er diesen versprochen, monatlich 10 Lire zu schicken. Die Kinder seien zum Verkaufe von Gypsfiguren in Hamburg bestimmt gewesen. Es ist eine traurige Thatsache, daß in Italien alljährlich Kinder von unmenschlichen Eltern an Händler verkauft und ins Ausland geführt werden, wo sie in kurzer Zeit an Entbehrungen sterben. Diesmal hat die italienische Behörde den Handel vereitelt und die Kinder in die Heimat zurückgeführt.

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