Beklemmungen auf dem Geldmarkt

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Handels-Zeitung des Berliner Tageblatt, 17. März 1890

Obwohl der englische Bankdiskont in verflossener Woche auf 4 pCt. ermäßigt wurde, bezeichnet der Londoner Economist die Lage des Geldmarktes als nicht ganz befriedigend. Das Blatt schreibt:

„Die Geldknappheit in Newyork, die Deroute an der Berliner Börse, sowie die kritischen Verhältnisse in der argentinischen Republik dürften verursachen, daß Gold aus London entnommen wird, und es ist ganz sicher, daß nach dem Quartalswechsel die Zunahme des Geldumlaufes im Inlande die Hilfsquellen der Bank stark in Anspruch nehmen wird. Immerhin möchten wir nicht annehmen, daß eine große Goldnachfrage für Exportzwecke bevorsteht. Der Newyorker Markt wird zum Beginne des Quartals durch die Vertheilung der Dividendengelder erleichtert werden; in Berlin regeln sich die Dinge, und so sehr nöthig auch Argentinien Gold brauchen mag, so besitzt es nicht die Macht, es England zu entziehen, ohne neue Anleihen vom Stapel zu lassen, was Argentinien in Folge seines Mißkredits vorläufig nicht zu thun vermag. Gleichwohl sind die Aussichten so ungewiß, daß die Bankdirektoren wahrscheinlich geneigt sein würden, die Sätze aufrechtzuerhalten, wenn sie es könnten. Allein sie können es nicht. Jetzt, wo das Ende des Quartals vor der Thüre steht, besitzen sie nicht hinreichende Herrschaft über den Markt, um eine Abwärtsbewegung der Sätze des offenen Marktes zu verhindern, und mit einer Reserve von nahezu 17,000,000 Lstrl. sind sie nicht berechtigt, ihren eigenen Satz hoch über dem wirklichen Geldwerth zu halten. Man erörtert bereits die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Herabsetzung des Kankdiskontos im Laufe der nächsten wenigen Wochen, aber eine solche Eröterung ist verfrüht. Es ist nothwendig, ein wenig zu warten und zu sehen, wie die Ereignisse sich gestalten, ehe eine zutreffende Meinung über den wahrscheinlichen Gang des Marktes ausgesprochen werden kann.

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