Beraterhaftung 1890

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Berliner Gerichtszeitung, 18. März 1890

Eine hiesige Bank hatte im Jahre 1881 dem Rentner D. zur Kapitalsanlage wiederholt den Ankauf von Augsburger Trambahnaktien empfohlen, worauf dieser auch von ihr 6000 Mk. dieser Aktien zum Kurse von 110 Prozent kaufte. Da die Dividende ausblieb, der Kurs rapide fiel, und das Papier schließlich unverkäuflich war, wurde D. gegen die Bank mit dem Antrage klagbar, daß dieselbe die betreffenden Aktien zurücknehmen und ihm sein Geld zurückgeben solle. In erster Instanz wurde auch unter folgender Ausführung nach dem Klageantrag erkannt: Die Bank hätte schon durch den Umstand stutzig gemacht werden müssen, daß dem Grundkapital von 650 000 Mk. der gleiche Betrag an Obligationen gegenüberstand, die beide vom Unternehmer übernommen wurden, daß es im Anfange an Betriebsmaterial fehlte, daß die günstige Einnahme der ersten 13 Tage zur Basis der Rentabilitätsberechnung genommen wurde, und daß der Prospekt vermuten ließ, daß alle Strecken im Betriebe gewesen, während dies nur bei einer der Fall war. Auch mußte ihr auffallen, daß der Unternehmer ihr die Papiere zu 80 Prozent anbot, woraus sich schon eine unsolide Basis offenbarte. Wenn sie trotz dieser und anderer Umstände dennoch die Papiere als Kapitalsanlage ihrem Kommittenten empfahl, so handelte sie gegen die Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns und ist schadensersatzpflichtig. Die hiergegen eingelegte Berufung wurde vom Kammergericht zurückgewiesen.

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