Die Demission des Fürsten Bismarck

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Neue Freie Presse, Wien, 18. März 1890

(Telegramme der „Neuen Freien Presse“.)

Berlin, 17. März. Nach einer Berliner Meldung der Kölnischen Zeitung ist der Rücktritt des Fürsten Bismarck von allen Aemtern schon in allernächster Zeit bevorstehend, und wird der heutige Ministerrath, wie man glaubt, sich mit der Thatsache seines Rücktritts beschäftigen. Diese Meldung erscheint umso auffälliger, als gestern in einem Artikel der „Hamburger Nachrichten“ ausgeführt wurde, die Spannung sei zwar fortbestehend, aber der Rücktritt des Kanzlers nicht unmittelbar bevorstehend. Danach wäre die vorgestrige Besprechung des Kaisers mit dem Kanzler erfolglos geblieben. Näheres bleibt jedenfalls abzuwarten.

Berlin, 17. März, Mitternacht. Der Reichskanzler Fürst Bismarck und Staatsminister Graf Herbert Bismarck gaben ihre Demission. Der Kaiser hat jedoch nur die Demission des Reichskanzlers angenommen. Ein Nachfolger des Kanzlers ist noch nicht ernannt.

— ½ 1 Uhr. Mit Bezug auf die Ernennung eines Nachfolgers des Fürsten Bismarck soll auf Puttkamer, Miquel, Bennigsen, Bötticher und Caprivi das Augenmerk gereichtet, aber noch nichts beschlossen sein. Es ist anzunehmen, daß die Entscheidung nicht so bald werde getroffen werden und vielmehr ein längeres Interim in Aussicht stehe.

(Telegramme des Correspondenz-Bureau.)

Berlin, 17. März. Man spricht davon, daß Fürst Bismarck heute sein Demissions-Gesuch eingereicht hat.

Köln, 17. März. Das Abendblatt der Kölnischen Zeitung meldet aus Berlin, man nehme daselbst in unterrichteten Kreisen an, daß der Rücktritt des Fürsten Bismarck von allen Aemtern schon in der allernächsten Zeit bevorstehe. Man glaube, daß schon der heutige Ministerrath, der um 3 Uhr unter dem Vorsitze des Reichskanzlers sich versammelte, sich mit der Thatsache des Rücktrittes desselben beschäftige.

Anmerkungen

Auch wenn die Neue Freie Presse hier eher so berichtet, als wenn der Rücktritt bereits unter Dach und Fach wäre, wird man noch einige Tage lang keine offizielle Bestätigung haben. Bismarck hat überdies in der Vergangenheit schon so häufig mit seinem Rücktritt gedroht, um seine Forderungen durchzusetzen, daß sich die Gerüchte auch diesmal in Wohlgefälligkeit auflösen könnten. Er kann dabei mit Ängsten spielen, daß sein Rücktritt von anderen Staaten, vor allem Frankreich, als Schwäche Deutschlands ausgelegt und ausgenutzt werden könnte. Allerdings macht Frankreich zur gleichen Zeit gerade seine eigene Regierungskrise durch. Und dieses Mal stehen die Zeichen für Bismarck wirklich schlecht: es ist bis in die Öffentlichkeit gedrungen, daß das Verhältnis mit dem noch jungen Kaiser Wilhelm II. eher angespannt ist. Und bei den Wahlen 1890 hat der Kanzler seine hörige Mehrheit im Reichstag verloren, während die Opposition, besonders die Freisinnigen und die Sozialdemokraten, große Erfolge verzeichnen konnten.

Siehe auch:

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