Alte Geschichten – Berliner Gerichtszeitung vom 28. Juli 1881

Berliner Gerichtszeitung, 28. Juli 1881

Alte Geschichten. — In der Absicht, die liberalen Parteien zu unterdrücken, sucht jetzt die offiziöse Presse alles hervor, was seit schier 38 Jahren von diesen Parteien gesündigt worden, was ihnen an Schlechtigkeiten, an Fehlern und an geheimen und öffentlichen Verbrechen wider das leibliche und geistige Wohl des Volks nachgesagt wird. — Ich will, soll der Reichskanzler vor den letzten Wahlen gesagt haben, die Nationalliberalen „an die Wand drücken, bis sie schreien.“ Die Liberalen insgesamt müssen, — so hat dieser Tage ein Antisemit, die Bismarckschen Worte höchst geschmackvoll variierend gesagt, — „an die Wand gedrückt werden, bis sie quietschen!“ Sie sind es ja, welche im Jahre 1848 die scheußliche Revolution „gemacht,“ die Autorität gestürzt und die schmachvolle Majoritätswirtschaft, mit der ganzen Gefolgschaft freisinniger Gesetze eingeführt, sie, welche über den Staat, nachdem er sich in reaktionärem Behagen unter Manteuffel-Westfalen wieder erholt hatte, die Schrecken der — „neuen Aera“ gebracht haben; sie auch, denen heut vorgeworfen wird, daß sie, — es klingt komisch und unglaublich, steht aber gedruckt in der „Nord. Allg. Z.“ zu lesen, — daß sie die neue Aera gestürzt haben. Sie haben sich, das ist allerdings wahr, der Armee-Reorganisation widersetzt, weil sie außerstande waren, die genialen Pläne Bismarcks zu durchschauen und zu begreifen, daß diese lediglich auf Realisierung ihrer nationalen Ziele gerichtet seien; aber sie haben sich unterstanden und unterstehen sich, auch in wirtschaftlichen Dingen dem genialen Staatsmann zu widersprechen. Sie können und wollen nicht einsehen, daß allein das Ausland den erhöhten Zoll für Getreide trägt, daß die Erhöhung aller Lebensmittelpreise und aller Genußmittel den Bürgern und Arbeitern zum Vorteil gereicht, und daß durch die indirekten Steuern der „keine Mann“ entlastet wird. Sie sind so frech, von „rninisterieller Mißwirtschaft“ früherer Zeiten, von der „Schmach von Olmütz“ und von den „traurigen Zuständen,“ die einst geherrscht, als noch die Herren Lindenberg, v. Maurach, Plehwe, Ryno Quehl u. a. m. mächtig waren, zu sprechen. Darum fort mit den Liberalen! Hätte oder hat jemals Mißwirtschaft geherrscht, so ist sie wettgemacht durch die konservative Wirtschaft der Neuzeit; wäre der „Gang nach Olmütz“ wirklich, — worüber sich ja noch streiten läßt, — eine Schmach gewesen, so ist sie gerächt und ausgelöscht durch die — Siegeszüge nach Wien und Paris; die Herren Lindenberg und Genossen sind vielleicht etwas harte und übereifrige Diener, jedoch gute „Patrioten“ und Ehrenmänner gewesen. Wozu alte, längst vergessene Geschichten aufwärmen, welche für die gegenwärtige Regierung zwar durchaus nicht kompromittierend, aber doch etwas — unangenehm sind? — Darum nieder mit den Liberalen!

Daß die Liberalen und nur Liberale es waren, welche ein halb Jahrhundert hindurch den Gedanken an ein einiges, großes Deutschland unter Preußens Führung gehegt, ist längst vergessen; daß sie, wie sie die Vorarbeiter Bismarcks waren, auch dann, nachdem er ihnen fast wider Willen gefolgt war, und nachdem er wegen seines verfassungswidrigen Vorgehens Indernnität nachgesucht hatte, seine thätigsten Mitarbeiter gewesen sind; daß sie, der greise Waldeck und der demokratische Ziegler voran, den Annexionen zugestimmt, während die Konservativen über dieselben murrten und jarmnerten; daß sie, Bennigsen voran, die Neuordnung in den annektierten Staaten begründen halfen, welche von den verbündeten Feudalen und Klerikalen bekämpft ward, das alles ist heut vergessen, — Fluch deshalb über die Liberalen, sagt die „Nordd. Allgemeine“, die doch mehr oder minder alle gleich der Richter’schen Heerschar nur Fortschrittler, boshafte Prinzipienreiter, Landes- und Reichsfeinde sind! — Und wollen sie uns mit „alten Geschichten“ kommen, so will ich ihnen eine alte Geschichte erzählen und ihnen zeigen, wie schon vor fünfzehn Jahren ein im höchsten Ansehen beim Reichskanzler stehender Literat, August Braß, über sie gedacht und geschrieben hat.

Nicht ohne Staunen hat gewiß mancher alte Berliner die Braß’schen Artikel gelesen und sich gewundert, daß heut das Gedächtnis eines Mannes aufgefrischt wird, dessen Lebensgeschichte an manche für die Regierung doch recht verdrießliche „alte Geschichten“ gemahnt. Braß war, — man lese „Wolffs Revolutionschronik“ Verlag von G. Hempel, — anno 1848 einer der rührigsten Straßendemagogen in Berlin, als Volksredner bei den Arbeitern und auch bei der Landwehr, — er war Fähnrich in derselben -— bekannt; er war Verfasser des bereits in der Maiwoche (Verlag von A. Hofmann u. Comp.) gedruckten „Soldatenliedes“ und des Refrains: „Wir färben rot, wir färben gut; wir färben mit Tyrannenblut.“ Am badischen Aufstande beteiligte er sich als Freischärler, flüchtete dann nach der Schweiz und kehrte später, amnestiert, nach Berlin zurück. Hier übernahm er die Redaktion der „Nord. Allg. Ztg.“, die, wie es damals hieß, im Interesse des Augustenburgers mit österreichischen Gelde, — Konsul Merc soll die Zahlungen geleistet haben, — begründet worden war. Das Blatt ward bekanntlich allmählich zu einem halbamtlichen, preußischen Regierungsorgan, und sein Redacteur zum ausgesprochenen Günstling und zum gern ja täglich gesehenen Gast der Bureaux in der Wilhelmstraße. Wie erfahrungsmäßig alle Renegaten, so war auch Braß gerade gegen die Partei, zu der er sich selbst einst bekannt hatte, am feindseligsten. Allem, was liberal hieß, erklärte er den Krieg, und er that dies bisweilen in so heftiger Weise, daß die Regierung sich mehr als einmal genötigt sah, ihren Einfluß auf das Blatt abzuleugnen. Mit welchen Summen, aus welchen Fonds, und ob überhaupt das Blatt von der Regierung durch Geld unterstützt worden ist, wissen wir nicht; Tatsache aber ist, daß es durch journalistische Beiträge reichlich subventioniert wurde. Der einst gänzlich rnittellose Literat Braß ist, so erzählt man, als ein reicher Mann gestorben; er soll es zum Besitze eines Hauses, einer Druckerei und eine Rittergutes gebracht haben.

Wir meinen, — so sagt eines der gemäßigsten liberalen Blätter, — die offiziösen Skribenten thäten recht wohl, mit ihren alten Geschichten zurückzuhalten, weil sie dadurch nur viel mehr Erinnerungen an Reden und Handlungen wecken, welche der von ihnen vertretenen konservativen Partei fürwahr wenig Ehre bringen! Jener Lindenberg erhielt zum Danke für die der Partei geleisteten Dienste eine gute Stelle, die er zu unredlichen Geschäften ausbeutete, und endete in schimpflicher Weise. Unverlöschliche Schmach liegt über der ganzen konservativen Olmütz-Partei, von welcher Prinz Albert von England mit Recht an den Prinzen von Preußen, unsern jetzigen Kaiser, schrieb, daß das preußische Volk sie als seinen heiligsten Interessen feindselig erkannt habe.

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