Berliner Wahlkämpfe

Eugen Richter: Im Alten Reichstag, Band 2, Seite 237ff.

Nach kurzer Sommerfrische hatten wir Mitte August die Wahlagitation auf der ganzen Linie kräftig aufgenommen. Es wurde nunmehr ein besonderes Centralbureau der Fortschrittspartei in Berlin eingerichtet, dessen Leitung Abg. Parisius und ich übernahmen. Ein besonderes Centralbureau für die Provinz Brandenburg in Berlin war der Leitung des Abg. Dr. Mendel unterstellt; ein Centralbureau der Fortschrittspartei für die Stadt Berlin der Leitung des Abg. Otto Hermes. Ich sprach am 25. August in Naumburg, am 30. August in Bautzen und hielt am 4. September einen Parteitag in Bielefeld ab, sprach dann am 6. September in Burg bei Magdeburg, am 11. September in Borna in Sachsen, am 13. September in Potsdam u. s. w.

Die taktische Aufstellung der Partei für den Wahlkampf war Mitte Oktober beendigt. Die Zahl der Wahlkreise mit fortschrittlichen Kandidaten, so schrieb ich am 16. Oktober in unserer „Parl. Korrespondenz“, übertrifft die kühnsten Erwartungen, welche man dieserhalb noch vor Jahresfrist hegen konnte. Trotz des Hagels von Angriffen auf unsere Partei haben sich nicht nur die alten Freunde nicht beirren lassen, sondern auch neue Freunde haben uns die Bahn gebrochen in Kreisen, in welchen bis dahin jede Anknüpfung fehlte. Insbesondere im Westen, in der Pfalz, im Großherzogtum Hessen, im vormaligen Kurhessen, in Nassau, am Niederrhein, in allen Teilen der Grafschaft Mark, in den Nachbarkreisen Bielefelds, sodann im äußersten Nordwesten, in Oldenburg und Ostfriesland, die hannoversche Küste entlang, in Schleswig-Holstein seien Fortschrittsvereine und Fortschrittskandidaten zahlreich aus dem Boden gewachsen. Überall wird augenblicklich die regste Thätigkeit entfaltet. Manche neuen Kreise empfinden es fast als eine Beleidigung, wenn man ihnen Personen nur als Zählkandidaten vorschlägt. In die engere Wahl, so schreibt man, würde man schon kommen, und sei man erst soweit, dann werde man auch noch weiter kommen.

Die Angriffe auf die alten Kreise der Partei, insbesondere die vier seit 1880 eroberten, waren besonders heftig. Am heftigsten aber tobte der Kampf diesmal in und um Berlin. Hier arbeitet, so schrieb ich damals in der „Parl. Korrespondenz“, nicht eine selbständige konservative Partei, sondern die öffiziöse Mache mit dem ganzen Hochdruck, dessen die Regierungsmacht und der Reptilienfonds für die Wahlagitation fähig sind.

Aber freilich waren in Berlin im August und September die Konservativen und Antisemiten untereinander in heftigen Zwiespalt geraten über die Auswahl der Reichstagskandidaten, also über die Verteilung des Felles vom Bären, welcher noch nicht erlegt war. Noch hatte sich nicht, wie es späterhin erfolgte, aus der konservativen Partei eine besondere antisemitische Richtung herausgebildet, aber das Material dafür war bereits vorhanden. Der Grundzug der neuen „Bewegung“ in Berlin, wie sie Stöcker eingeleitet und Fürst Bismarck später gefördert hatte, war Antisemitismus. Diejenigen, welche sich dabei in der Judenhetze hervorgethan, wollten nun auch bei der Verteilung der Reichstagsmandate in erster Reihe bedacht sein. Die Henrici, Ruppel, Pickenbach erklärten das konservative Wahlkomitee in Berlin für einen Popanz, veranstalteten große Versammlungen, zu denen sie alle „freisinnigen Wähler deutscher Abstammung“ einluden und griffen die konservative Partei als solche an; diese wurde wiederum von Liebermann v. Sonnenberg und Förster verteidigt. Cremer versuchte andererseits die Katholiken Berlins auf die Seite der Regierung zu ziehen und veranlaßte dadurch stürmische Auseinandersetzungen innerhalb der Centrumspartei. Zuletzt freilich einigte man sich bis auf den 3. Wahlkreis, wo Henrici eine Sonderkandidatur beibehielt, über eine Kompromißliste. Das Centrum blieb bei seinen besonderen Zählkandidaten. 

Alle diese häßlichen Streitigkeiten lichteten aber die Gefolgschaft, welche die Antisemiten gewonnen hatten, in beträchtlichem Maße. Dazu waren noch die Excesse der Antisemiten in einzelnen Städten Hinterpommerns gekommen; angestachelt durch Berliner Hetzredner, kam es dort den Juden gegenüber zu Gewaltthätigkeiten gegen Person und Eigentum. Der Kronprinz führte über diese Vorgänge von England aus bittere Klage bei seinem Vater, und Minister v. Puttkamer mußte sich bequemen, wiederholt scharfe Weisungen an die Behörden zu veröffentlichen, solchen Excessen gegen die Juden entgegenzutreten.

Nach der schließlich vereinbarten antisemitisch-gounernementalen Kompromißliste wurden aufgestellt für den ersten Berliner Wahlkreis gegen Ludwig Löwe der Antisemit Liebermann v. Sonnenberg. Für ihn traten nachher in demonstrativer Weise auch die Obersten Hofchargen zur Wahl an. Dagegen sicherte der Kronprinz seinem Dienstpersonal ausdrücklich Wahlfreiheit zu. Er charakterisierte in einer Ansprache die beiden sich gegenüberstehenden Kandidaten Ludwig Löwe und Liebermann v. Sonnenberg in ihrer persönlichen und sozialen Bedeutung, wobei allerdings der Letztere nicht gerade zum besten fortkam. Im zweiten Wahlkreis wurde gegen Virchow Stöcker aufgestellt, im dritten Wahlkreis erhielt v. Saucken- Tarputschen einen Gegenkandidaten in dem „Hilfsarbeiter aus dem Reichsamt des Innern“ Julius Schultze, welcher bei den anti- semitischen Agitationen und Sprengungen liberaler Versammlungen sich schon im Frühjahr hervorgethan hatte. Im vierten Wahlkreis kandidierte Professor Adolf Wagner gegen Träger, im fünften gegen mich Cremer, im sechsten gegen Klotz der Obermeister Meyer aus der Zünftlerpartei. Ich kandidierte im fünften Wahlkreise wegen der Unsicherheit des Wahlergebnisses in Hagen. 

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