Der Neustettiner Synagogenbrand-Prozeß

Leopold Auerbach: Das Judenthum und seine Bekenner in Preußen und in den anderen deutschen Bundesstaaten, 1890. Seite 51ff.

Das traurigste Kapitel der Geschichte der judenfeindlichen Agitation bilden die durch den Antisemitismus hervorgerufenen Kriminalprozesse, welche großes Aussehen erregt haben und für die Kulturgeschichte der betheiligten Länder historisch werthvolle Thatsachen sind. Es sind dies in Preußen der Neustettiner Synagogenbrandprozeß und die Untersuchung wegen der Ermordung eines Fleischerlehrlings in Sturz bei Preußisch Stargard, in Ungarn der Prozeß Tisza-Eßlar und in Oesterreich der Prozeß Ritter, in welchen beiden es sich um die angebliche Ermordung christlicher Mädchen zu jüdisch-rituellen Zwecken handelte. Sowohl der Neustettiner Synagogenbrand als auch die Thatsachen, welche in Oesterreich-Ungarn zu den erwähnten Prozessen geführt haben, fanden im Jahre 1881, der Skurzer Mord dagegen fand erst im Jahre 1884 statt.

In Neustettin, einer Kreisstadt in Hinterpommern mit 8500 Einwohnern, besteht eine kleine jüdische Gemeinde, welche in einer vom Marktplatz in’s Freie führenden Straße eine alte wenig ansehnliche Synagoge besaß. Auf diese Stadt und Umgegend richtete die antisemitische Agitation im Jahre 1880 ihre Aufmerksamkeit. Sendboten wurden dahin geschickt, welche die im Volke gehegte Mißstimmung gegen die daselbst in theils günstigeren theils leidlich geregelten Verhältnissen lebenden Juden zu hellen Flammen anfachten. Neustettin wurde bald der Mittelpunkt der judenfeindlichen Agitation in Hinterpommern, und viele christliche Bürger Neustettins aus allen Berufsständen widmeten sich eifrig der Judenhetze, wobei sie von einem in Neustettin erscheinenden Blatte, „Norddeutsche Presse“, unterstützt wurden. Die Agitation erreichte im Winter 1880/1881 durch das wirkungsvolle Eintreten eines der weitgehendsten Brandredner des Antisemitismus, eines Berliners [d. i. Ernst Henrici], ihren Höhepunkt. In diese Zeit, den 18. Februar 1881, fiel der Brand der Synagoge zu Neustettin, welche vollständig zerstört wurde. An eine zufällige Entstehung des Feuers dachte Niemand, die Juden beschuldigten die Christen, insbesondere die Antisemiten der Brandstiftung, und im Preußischen Abgeordnetenhause wurde auch später, anläßlich einer sehr erregten Debatte über die Neustettiner Ereignisse, 1) der Verdacht geäußert, daß die Synagoge von fanatischen Antisemiten angezündet worden wäre. Dieser Verdächtigung wurde von den Christen die Beschuldigung gegenübergestellt, daß die Juden selbst die Synagoge niedergebrannt haben, um die Feuerversicherungssumme zu erlangen, und als bald nachher bekannt wurde, daß die Versicherungssumme die Kosten des Neubaues bei Weitem nicht erreichen werde, so blieben die Christen trotzdem bei ihrer Beschuldigung, mit der Motivirung, daß die Juden den Tempel angezündet hätten, um den Verdacht auf die Antisemiten zu lenken.

Dies Gerede genügte, um zahlreiche christliche Einwohner, Groß und Klein, zu veranlassen, eifrig nach Indicien für eine Beschuldigung der Juden zu suchen, es wurde gleichsam zu einer Sache des Patriotismus und der Religion gemacht, die Juden der Brandstiftung ihrer eigenen Synagoge zu überführen. Die Staatsanwaltschaft vermochte aber trotz ihrer eifrigen Nachforschungen nach der von den Antisemiten gewiesenen Richtung nichts Wesentliches zu ermitteln, und die That blieb bis März 1882 völlig unaufgeklärt. Daß die Staatsanwaltschaft in Folge der von den Juden gegen die Antisemiten erhobenen Beschuldigung nach dieser Richtung hin Nachforschungen angestellt hat, darüber ist nichts bekannt geworden. Die Juden selbst hüteten sich wohl, auf eine Untersuchung nach dieser Richtung zu dringen und Belastungsmaterial dafür zu erbringen, da sie von den in der Stadt nahezu allmächtigen Antisemiten in diesem Falle die äußersten Gewaltthätigkeiten gegen sich befürchten mußten.

Im März 1882 gelangte vom Landrath des Neustettiner Kreises an das Landgericht zu Cöslin die Mittheilung, daß nach einer Aussage des Lehrers Pieper der frühere Tempeldiener Lesheim und sein 15jähriger Sohn gravirt seien und daß es geboten sei, beide sofort zu verhaften, „und zwar besonders deßhalb, weil der junge Lesheim von Leuten, die ihn kennen, als ein Knabe geschildert werde, von dem zu erwarten sei, daß er, dem Einflusse seines Vaters entzogen und bei entsprechender Inquirirung Alles eingestehen werde, was ihm selbst über die Suche bekannt.“ Dieser Fingerzeig ist aber vom Landgericht nicht beachtet worden. 2)

1) Sitzungen vom 25. Febr. und 1. März 1882.
2) In dem Verfahren wegen des angeblichen Mordes zu Tisza-Eßlar ist diese Form der Untersuchung gewählt worden, welche dazu führte, daß der junge Sohn des angeblichen Mörders Alles einräumte, was die Urheber des Processes wünschten. Vgl. weiter Kap. I, 11.

Die Untersuchung wurde nunmehr gegen den Kürschner und ehemaligen Tempeldiener, den 39 Jahre alten Lesheim und seinen 15jährigen Sohn, ferner gegen den Tempeldiener Loewenberg, den 72jährigen Rentier Heidemann und seinen 39jährigen Sohn wegen vorsätzlicher Brandstiftung eingeleitet. Sämmtliche Angeschuldigte waren jüdischen Glaubens, in Neustettin ansässig und bis auf den älteren Lesheim, der vor Jahren eine geringe Bestrafung wegen Eigenthumsvergehens erlitten hatte, vollkommen unbestraft.

Die beiden Heidemann gehörten zu den geachtetsten Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, sie erfreuten sich eines ansehnlichen Wohlstandes, sie besaßen ein Haus und ein blühendes Geschäft und lebten in den glücklichsten Familienverhältnissen. Niemand vermochte etwas Nachtheiliges über sie auszusagen.

Nach der Eröffnung der Untersuchung legten die Leiter der „Norddeutschen Presse“ besonders regen Eifer an den Tag; sie forderten öffentlich zum Zeugnisse auf, und sie verhörten mehrfach Zeugen, die bereits gerichtlich vernommen waren, nochmals in ihren Redaktionsräumen und übersandten die Protokolle über diese freiwilligen Zeugenvernehmungen dem Gericht. Auf Grund des so und in anderer Weise erlangten Beweismaterials erhob der Staatsanwalt die Anklage gegen die genannten fünf Beschuldigten, und die Hauptverhandlung fand vor dem Schwurgericht zu Cöslin vom 18. bis 22. Oktober 1883 statt. Die Anklagebehörde wurde vom Staatsanwalt Pinoff vertreten, die Vertheidigung lag in den Händen der Rechtsanwälte Justizrath Scheunemann aus Neustettin und Sello aus Berlin. Bei Ausloosung der Geschworenen lehnte der Staatsanwalt die jüdischen 1) sowie fast sämmtliche städtische Geschworenen ab, so daß sich unter den 12 Geschworenen acht Gutsbesitzer und Pächter, drei Rentiers und ein Regierungsrath befanden. Der Zeuge, welcher gegen die Angeklagten gleichmäßig die

1) In dem weiter unten behandelten Skurzer Mordproceß, in welchem es sich um einen katholischen Angeklagten handelte, wurde die Jury, um jeden Schein einer Rechtsungleichheit zu vermeiden, aus 0 katholischen und 6 evangelischen Geschworenen gebildet.

schwersten Beschuldigungen vorbrachte, war der Schmied Karl Buchholz, der Stolz der Neustettiner Antisemiten, ein Mann von 40 Jahren. Die unverkennbaren Spuren der Trunksucht standen in seinem Gesicht geschrieben, und eine Zeugin, die über die Trunksucht des Buchholz befragt wurde, gab zwar zu, daß er sich mitunter betrunken habe, fügte aber beschönigend hinzu, das habe er nur gethan, weil er sich die Schlechtigkeit der Juden so zu Herzen genommen hätte. Von allen Belastungs-Zeugen, die in dieser Sache vernommen wurden, erschienen Buchholz und seine Branntweingenossen, die Antisemiten niedrigster Gattung, weitaus als die geistig und sittlich verkommensten.

Buchholz war erst wenige Wochen vor dem Brande als Arbeiter bei Heidemann in Dienst getreten, aus welchem er Jahr und Tag nach dem Brande im Unfrieden mit seinem Dienstherrn schied. Nach seinem Austritt machte er eine nachträgliche Lohnforderung von 60 Mark geltend, die von den Heidemanns bestritten wurde. Hierauf ließ Buchholz den Heidemanns durch den Maurermeister Kaste sagen, sie sollen ihm die 60 Mark bezahlen, sonst werde er mit ihnen ins Gericht gehen. Als die Heidemanns trotzdem nicht zahlten, ging Buchholz am 5. April 1882, 15 Monate nach dem Brand, in das Redaktionsbureau der „Norddeutschen Presse“ und ließ sich da als Zeuge vernehmen. Bei seiner ersten gerichtlichen Vernehmung am 9. Mai 1882 sagte er aus: Zwei Tage vor dem Brande habe er auf die Anweisung des alten Heidemann zwei Bretter aus dem Heidemann’schen Grenzzaune, welcher das Heidemannsche Grundstück vom Synagogen-Grundstück schied, losbrechen und dann wieder in die Oeffnung stellen müssen. Vorher habe er auf Heidemanns Befehl auch das an dem Zaune aufgestapelte Klobenholz fortgekarrt, so daß ein freier, von außen nicht sichtbarer Zugang zur Synagoge geschaffen wurde. Am 18. Februar 1881 gegen ½ 11 Uhr, kurze Zeit vor dem Brand, habe er noch eine Fuhre Dung nach dem Felde fahren müssen, während sonst nur bis höchstens ½ 11 Uhr Dung gefahren worden sei. Außerdem gab er noch weitere Verdachtsmomente an, welche die Betheiligung der Heidemanns an der Brandstiftung ergeben sollten. Bei einer weiteren Vernehmung am 23. Oktober 1882 gab Buchholz an, daß er kurz vor dem Brand, um 11 Uhr Vormittag, den alten Lesheim mit einer Petroleum-Blechkanne nach der Synagoge zu habe gehen sehen, und berief sich hierfür auf das Zeugniß des Steinsetzers Beyer, eines alten Mannes, mit dem er gerade gesprochen hätte. Beyer wurde hierauf vernommen. Dieser sagte aber aus, daß er nicht am Tage des Brandes, sondern einen Tag vorher, und nicht um 11 Uhr Vormittags, sondern 4-5 Uhr Morgens, nicht den älteren Lesheim, sondern Loewenberg mit einer Blechkanne gesehen habe. Bei der dritten Ver- nehmung des Buchholz gab dieser auf Vorhaltung des Zeugnisses des Beyer an, daß er am Tage des Brandes allerdings bei seiner Unterhaltung mit Beyer den Loewenberg mit einer Blechkanne, später aber allein den Lesheim gleichfalls mit einer Blechkanne nach der Synagoge gehend gesehen habe.

Auf Grund dieser Aussagen des Buchholz und anderer antisemitischer Zeugen wurden Lesheim und Sohn der Beihülfe zur vorsätzlichen Brandstiftung und die beiden Heidemanns der Kenntniß und Nichtanzeige dieser Brandstiftung zu einer Zeit, als diese noch verhütet werden konnte (§ 139 Str.-G.-B.), für schuldig erklärt. Auf Grund dieses Wahrspruchs der Geschworenen, welcher vom Obmann, Regierungsrath Delsa aus Coeslin, verkündigt wurde, verurtheilte der Gerichtshof den alten Heidemann zu 3 Monaten, den Sohn Heidemann zu 6 Monaten Gefängniß, den Vater Lesheim zu 4 Jahren Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die gleiche Dauer und den jüngeren Lesheim zur Unterbringung in einer Besserungsanstalt. Loewenberg wurde freigesprochen. Der ältere Lesheim wurde sofort verhaftet; er ist bis zu seiner Freisprechung in Konitz am 7. März 1884, 4 ½ Monate lang, in Untersuchungshaft verblieben.

Der jüngere Heidemann und die beiden Lesheims brachen bei Verkündung des Spruchs in ein krampfhaftes Weinen und Schluchzen aus; der Vater Lesheim rief mit lauter Stimme: „Sie haben uns gehetzt wie die wilden Thiere, so weit haben sie uns nun gebracht; sie werden nicht eher ruhen, als bis sie uns getödtet haben.“

Das Reichsgericht hob das Urtheil des Schwurgerichts zu Cöslin auf und verwies die Sache zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung an das Schwurgericht zu Konitz, weil ein Entlastungszeuge, ein Verwandter der Heidemanns, zu Gunsten der Angeklagten beeidigt worden war, ohne vorher über das Recht der Eidesverweigerung belehrt worden zu sein. Durch diesen winzigen Zufall allein sind die Angeklagten, deren Unschuld sich bei der zweiten Schwurgerichtsverhandlung klar herausgestellt hat, vor der Schmach einer Verurtheilung bewahrt worden.

Die Antisemiten rüsteten sich sofort mit erneutem Eifer für den Kampf; ihre Zeitungen versprachen, daß nun erst die entscheidenden Zeugen auftreten würden, welche sich endlich entschlossen hätten das Schweigen zu brechen, welches sie um des lieben Friedens willen bisher bewahrt hätten. — Inzwischen erwirkte der Justizrath Makower in Berlin, welcher sich gedrungen gefühlt hatte, zugleich mit den bereits genannten Vertheidigern die Vertheidigung der Angeklagten zu übernehmen, bei den Ministern des Innern und der Justiz die Entsendung des Kriminalkommissars Höft aus Berlin, eines anerkannt tüchtigen Kriminalbeamten, nach Neustettin, um an Ort und Stelle zu ermitteln, was nach drei Jahren noch irgend zu ermitteln war. Mit welchem Erfolge und welcher Umsicht Höft diese Aufgabe gelöst hat, wie werthvoll seine glücklichen Funde für die Vertheidigung gewesen sind, wird der weitere Verlauf dieser Darstellung lehren. „Dem Scharfblicke und dem unermüdlichen Eifer dieses hervorragenden Beamten“, hob der Vertheidiger Sello in seiner späteren Darstellung des Prozesses 1) hervor, „haben die Angeklagten ihre Freisprechung mit in erster Linie zu danken.“

Am 18. Februar 1884, gerade 3 Jahre nach dem Synagogenbrande, kam der Kommissar Höft nach Neustettin und suchte sich in der ihm gegebenen kurzen Frist — für den 29. Februar waren bereits die Verhandlungen vor dem Schwurgericht zu Konitz anberaumt — über die Belastungszeugen zu informiren. Er machte hierbei sehr wichtige Feststellungen für die unbefangene Würdigung einer Reihe von belastenden Aussagen.

Während des Aufenthalts des Kommissar Höft in Neustettin erschien Buchholz, der Hauptbelastungszeuge, vor Trunkenheit taumelnd, auf seinem Zimmer und warf mit den Worten: „Das wird wohl genügen, die Juden auszuhängen!“ ein Stück Zündschnur auf den Tisch. Das habe er am Tage nach dem Brande

1) Tribunal, Ztschr. der praktischen Strasrechtspflege, Hamburg 1885, I S. 13.

in Gegenwart des Dienstmädchens Bertha Hilger beim Aufräumen in der Heidemann’schen Küche gefunden und achtlos zu sich gesteckt, da er es für einen Strick zum Zusammenschnüren der Felle gehalten habe. Erst nach längerer Zeit habe er es unter einem Gesangbuche wiedergefunden. Daß es Zündschnur sei, habe er erst viel später durch Versuche festgestellt.

Am 29. Februar 1884 begannen die neuen Verhandlungen vor dem Schwurgericht in Konitz, sie währten bis zum 7. März. Den Vorsitz führte der Landgerichtsrath Arndt aus Danzig, die Anklage vertrat der erste Staatsanwalt Schlingmann in maßvoller und sachlicher Weise; vertheidigt wurden die Angeklagten von den Rechtsanwälten Makower und Sello aus Berlin, Scheunemann aus Neustettin, Meibauer aus Konitz. Auch diesmal überwog bei den Geschworenen das ländliche Element bei weitem, unter den ausgeloosten Geschworenen wird wohl kein Städter gewesen sein.

In der Konitzer Verhandlung wiederholte Buchholz seine Angaben hinsichtlich der Zündschnur; auf Befragen räumte er ein, daß er sich früher mit Steinsprengen beschäftigt habe, ohne sich indessen dabei einer Zündschnur zu bedienen. Das Dienstmädchen Hilger erklärte zeugeneidlich die Angabe des Buchholz, die Zündschnur in der Heidemann’schen Küche gefunden zu haben, für unwahr. Ein Bekannter des Buchholz bekundete, daß Buchholz beim Steinsprengen stets Zündschnur benutzt habe, welche ihrer Beschaffenheit nach genau mit der von Buchholz vorgelegten Zündschnur übereinstimmte.

Am Morgen des vorletzten Verhandlungstages in Konitz erhob sich der Vertheidiger Dr. Sello und trug vor: in aller Frühe habe sich Beyer, auf welchen Buchholz sich mehrfach für die Richtigkeit seiner Angaben berufen hatte, bei den Vertheidigern gemeldet und ihnen Folgendes eröffnet:

er sei ein alter Mann, der nichts mehr zu fürchten habe; sein Gewissen lasse ihm keine Ruhe und dränge ihn zu der Mittheilung, daß Buchholz einen Arbeiter Dabberstein aufgefordert habe, in Gemeinschaft mit ihm den Judentempel anzuzünden.

Der Steinsetzer Beyer wurde vor Gericht vernommen, und dieser hielt unter seinem Eide die Richtigkeit seiner Angaben aufrecht. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurde Dabberstein telegraphisch geladen.

Dabberstein erschien am Nachmittage und bezeugte eidlich:

Buchholz habe ihn einige Zeit vor dem Brande aufgefordert, mit ihm zusammen die Synagoge anzuzünden; ihm, dem Buchholz, habe man für diese That 10 Thaler und Schnaps, so viel er trinken wolle, versprochen.

Buchholz bot bei der Gegenüberstellung mit diesem Zeugen einen traurigen Anblick; sein Gesicht war wie mit Blut übergossen, fortwährend wischte er den Schweiß von der Stim und vergebens rang er dem Dabberstein gegenüber, der ihm unverwandt ins Auge sah, nach seiner früheren Dreistigkeit.

Dabberstein ist Christ, die Angeklagten hatten ihn nicht ermittelt, und sein Name war zuerst und allein von dem Gewährsmann des Buchholz, dem Steinsetzer Beyer, genannt worden.

Die Angeklagten wurden sämmtlich freigesprochen, das Urtheil wurde, da der Staatsanwalt Revision nicht einlegte, am 14.März 1884 rechtskräftig.

Gegen den Arbeiter Buchholz ist wegen des Synagogenbrandes und seiner Zeugenaussagen in Cöslin und Konitz von der zuständigen gerichtlichen Behörde ein Strafverfahren nicht eingeleitet worden, auch sind sonstige Ermittelungen über die Ent- stehung des Synagogenbrandes nicht gemacht worden. 1)

1) Die Darstellung des Neustettiner Synagogenbrand-Processes ist einer ausführlicheren Beschreibung dieses Processes vom Rechtsanwalt Dr. Sello im „Tribunal,“ Zeitschrift der prakt. Strafrechtspflege, Hamburg 1885, 1. Jahrgang entnommen.

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