Der Reichskanzler ermuntert die Antisemiten

aus: Eugen Richter: Im Alten Reichstag, Band 2, Seite 182-183

In den antisemitischen Versammlungen war es bald Regel geworden, nach beendigter Hetze ein Huldigungstelegramm an den Fürsten Bismarck abzusenden. Wie sehr die Danktelegramme des Letzteren geeignet waren, die Agitation zu ermuntern, dafür ein Beispiel.

Am 10. Februar 1881 hielt Dr. Henrici aus Berlin in Dresden einen Vortrag, in welchem er diejenigen, welche die sog. Judenhetze als eine Schmach für das deutsche Volk bezeichneten — diesen Ausdruck hatte der Kronprinz am 14. Januar gebraucht — als Juden und Trinkgeldersemiten bezeichnete. Das schwindsüchtige Aussehen der deutschen Arbeiter käme nur daher, daß sie sich im Dienste der Juden abarbeiten müssen. Die Deutschen seien von den Juden auf das furchtbarste unterdrückt, und es müßten Ausnahmegesetze geschaffen werden, um dem Überwuchern des jüdischen Geistes Einhalt zu thun. Nach dieser Hetzrede wurde ein Telegramm an den Reichskanzler gerichtet, in welchem die feste Zuversicht ausgesprochen wurde, daß unter der bewährten Leitung die Rückkehr besserer sozialer Verhältnisse im Vaterlande angebahnt werde. Fürst Bismarck dankte darauf dem „Deutschen Reformverein“ für das Telegramm und erklärte sich „bereit, die Hoffnung auf Anbahnung besserer sozialer Verhältnisse zu teilen, sobald wir aufhören, die Besserung derselben durch spontane Entstehung abzuwarten.“

Ebenso hatten um diese Zeit die beiden Vereine „Deutscher Studenten“ in Berlin und Leipzig, welche aus Anlaß der Judenhetze sich gebildet hatten, auf ihre Begrüßungstelegramme an den Kanzler dankende Antworten desselben erhalten.

Als ich dann dem Reichskanzler im Reichstag am 2. April vorhielt, daß er mit denjenigen Komitees, welche die Judenhetze veranstalten, Telegramme gewechselt habe, gebrauchte er die Ausrede, es sei nur eine Pflicht der Höflichkeit, auf ein freundliches Telegramm freundlich zu antworten, ohne polizeiliche Recherchen über die politische Richtung anzustellen. Er habe sich, wie ihm seine amtliche Stellung gebiete, von allen antisemitischen Bewegungen, „die mir nicht erwünscht sind“, ferngehalten. Bei dieser überaus leisen und milden Censur ließ es in diesem Falle derselbe Reichskanzler bewenden, welcher sonst gar kräftige Worte im Reichstag zu gebrauchen wußte gegen jede ihm wirklich unerwünschte Agitation.

Mehr aber noch als durch solche wohlwollende Neutralität der antisemitischen Bewegung gegenüber blies der Kanzler demnächst die wildeste Agitation in diesen Kreisen an durch seine Reichstagsreden im Frühjahr 1881 gegen die Berliner Kommunalverwaltung.

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