Der Respekt vor dem kirchlichen Glauben *)

Provinzial-Correspondenz, 6. Juli 1881

Um zu zeigen, daß die Fortschrittspartei es mit der Religion ernst nehme, berufen sich ihre Flugblätter auf den Satz ihres Programms: „Die Gleichberechtigung aller Religionsgenossenschaften muß mit Nachdruck gewahrt werde.“

Das beweist nun freilich gar nichts oder es beweist nur, daß die Partei sich in Religionsfragen unparteiisch verhalten und sich blos auf den Rechtsstandpunkt, nämlich auf den der Gleichberechtigung stellen will. Man sieht daraus, daß der Fortschrittspartei in religiöser Beziehung die Freiheit der   Vereinigung zu Religionsgesellschaften die Hauptsache ist, nicht aber die Verhältnisse der bestehenden Religionsgesellschaften, besonders der evangelischen und der römisch-katholischen Kirche, welche doch die Verfassungsurkunde besonders erwähnt.

Es wäre z. B. viel bedeutungsvoller, wenn die Fortschrittspartei sagen könnte, daß ihr an dem Verfassungsartikel viel gelegen wäre, wo es heißt, die christliche Religion werde bei den Einrichtungen des Staats, welche mit der Religionsübung. im Zusammeuhange stehen, zu Grunde gelegt (Art. 14 der preuß. Verfassung). Auch würde es schon für die ernste Gesinnung der Partei zeugen, wenn sie für den Satz in der Verfassung, daß „bei der Einrichtung der öffentlichen Volksschulen die konfessionellcn Verhältnisse möglichst zu berücksichtigen seien“, ein lebhaftes Interesse bezeugte, was freilich mit gewissen Thatsachen im Widerspruch stände.

Die Berufung auf jene Gleichberechtigung beweist daher nur, wie schwer es war, etwas herauszufinden, was beweisen sollte, daß das Programm der Fortschrittspartei sich auch auf Religion beziehe. Das Wort Religion kommt allerdings darin vor, aber etwa im entgegengesetzten Sinne, als ein ehrbarer Bürger oder Bauer von Religion spricht. 

Die Partei steht jedenfalls auf Grundlagen, welche eine rechte, zumal kirchliche Frömmigkeit schwer aufkommen lassen, und wenn man nichts Anderes für ihre Religiosität anzuführen weiß, als daß sie die Gleichberechtigung aller Religionsgenossenschaften wahren wolle, so muß ein Mitglied oder Anhänger der Partei freilich für Freigemeindler aller Sorten, für Christkatholiken u. s. w., ja selbst für Muhamedaner ebenso eifrig eintreten, wie für seine eigene Kirche.

Doch eine Partei ist nicht nach einer einzelnen vielleicht unbesonnenen Aeußerung eines Flugblattes, sondern, zumal wenn sie schon lange besteht, nach ihrem ganzen Verhalten zu beurtheilen. Allerdings zeigt die ganze Geschichte der Fortschrittspartei, daß sie ein eigentlich kirchliches Interesse keineswegs hat, sondern daß ihr die freien Genossenschaften wirklich viel mehr als die Kirche am Herzen liegen, wie sie denn auch in einer bekannten Erklärung „eine allgemeine Gesetzgebung über die Religionsgesellschaften ohne Rücksicht auf einzelne Konfessionen und ohne Bevorzugung bestimmter Kirchen“ verlangte. 

Bei allen Gelegenheiten hat in der That die Fortschrittspartei die bestehenden Kirchen zu schwächen, den Glauben und die Bekenntnisse größerer Gemeinschaften zu erschüttern, dagegen nur die religiösen Meinungen des Einzelnen, höchstens der Gemeinde, zu schützen gesucht. Sie bekämpfte deshalb eine der wichtigsten Thaten unseres Königs, den Ausbau der evangelischen Kirchenverfassung auf ihren geschichtlichen Grundlagen bis zum letzten Augenblick, und die Regierung mußte den schließlichen Erfolg in der Sache ihrem Einflusse geradezu abringen. Ein Mann, den man schwerlich zu den Finsterlingen rechnen wird, der frühere Minister Falk, hat es selbst bezeugt, in welchem Geiste die Fortschrittspartei dem Werk der Kirchen- Verfassung widerstrebte. Die neue kirchliche Organisation sollte nach dem Sinn unseres Königs und seiner Regierung ein Quell wirklich evangelisch-kirchlichen Lebens, ein Quell wahrhafter Erfrischung und kräftiger Erneuerung des Wesens und Wirkens der evangelischen Kirche in Preußen sein. Hier galt es für Alle, denen das Gedeihen der evangelischen Kirche am Herzen liegt, lebendig und freudig mit Hand anzulegen und nach unseres Königs Ausdruck : „Geist und Kraft zu erweisen“. Die eigentlichen Fragen des Bekenntnisses waren noch ausgeschlossen, die Fortschrittspartei aber und ihre Organe nahmen schon Anstoß an den Bestimmungen der Synodalordnung, wonach die zu wählenden Kirchenältesten und die Mitglieder der Synode geloben sollten, ihre Obliegenheiten „dem Worte Gottes und den Ordnungen der evangelischen Landeskirche gemäß erfüllen und danach trachten zu wollen, daß die Kirche in allen Stücken wachse an dem, der das Haupt ist, Christus“. Der Minister Falk sagte damals einem der fortschrittlichen Führer, er müsse den Standpunkt, auf dem jener und seine Freunde stehen, grundsätzlich bekämpfen, ein Vorgehen auf ihrem Wege könne nur dahin führen, daß sich das religiöse Bewußtsein der einzelnen Gemeinden verflüchtige. Wolle man dem deutschen Volke sein Bekenntniß erhalten, dann müsse es eben bei gemeinsamen Einrichtungen, bei der Kirche verbleiben. Uebrigens denke auch die große Mehrheit der Evangelischen ebenso, und die Fortschrittspartei stütze sich ganz allein auf die Stadt Berlin und da auf die Bezirksvereine; in Berlin selbst sei schon ein Umschwung eingetreten und die Bezirksvereine, in denen alle Konfessionen vertreten seien, hätten gewiß nicht den Beruf, das kirchliche Bewußtsein der Bevölkerung zu vertreten, man solle überhaupt an die Weise denken, wie kirchliche Dinge in weiten Kreisen Berlins behandelt werden.

So der Minister Falk über die Stellung der Fortschrittspartei zur evangelischen Kirche.

Doch in Bezug aus die katholische Kirche rühmt sich die Fortschrittspartei, der Regierung geholfen zu haben, nämlich im geistlichen Kampf, im sogenannten „Kulturkampf“; einer ihrer Fuhrer hat sogar diesen Namen erfunden. Freilich hat sie von vornherein ganz etwas Anderes unter dem „Kulturkampf“ verstanden und erstrebt, als die Regierung. Letztere wollte nur den Staat gegen Uebergriffe der Kirche sicherstellen und hielt, selbst in der Hitze des Kampfes, das Ziel eines ernsten, dauerhaften Friedens immerdar fest im Auge. In derselben Rede, in welcher Fürst Bismarck das berühmte Wort sprach: „nach Canossa gehn wir nicht“, fügte er unmittelbar hinzu: „Aber die Regierung sucht emsig nach den Mitteln, um in einer möglichst friedlichen Weise in einen annehmlicheren Zustand zu gelangen“. Die Fortschrittspartei dagegen wollte den Kampf gegen die Kirche als solche, sie erstrebte die absolute Trennung des Staats von der Kirche, die Trennung der Schule von der Kirche, kurz es war ein Kampf des Unglaubens gegen den Glauben.

Von einer ernsten kirchlichen Stellung und Auffassung ist bei der Fortschrittspartei überhaupt nicht die Rede, und die sich mit ihr aus politischen Gründen verbinden wollen, mögen sich nur das nicht verhehlen, daß sie damit eine Partei stärken, deren Wege nothwendig dahin führen, den christlichen Glauben im deutschen Volke zu untergraben. 

   

*) Der religiöse und kirchliche Glaube des Einzelnen geht die Politik Nichts an. Es mögen sich wohl zu jeder der Parteien Männer halten, die es ernst mit ihrem Glauben nehmen. Man hat kein Recht, dies in Abrede zu stellen. Wenn aber eine Partei als solche auch ihre Stellung zur Religion öffentlich betont, so ist es nothwendig, ihre Parteigrundsätze und besonders ihr bisheriges Verhalten auch in dieser Beziehung zu prüfen. 

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