Die Berliner Antisemiten

Eugen Richter: Im Alten Reichstag, Band 2, Seite 200-202

Die Berliner Antisemiten.

“Victoria,”so schrieb nach der Kanzlerrede die antisemitische “Ostendzeitung” Ruppels, “das war der erste Kanonenschuß zur Eröffnung der Schlacht gegen das Fortschrittsjudentum, es war das erlösende Wort unseres großen Kanzlers, der gegen die Wirtschaft unserer hochweisen Stadtverwaltung energisch zu Felde zog.” Zugleich mit dieser Nummer der “Ostendzeitung” und eingelegt in dieselbe wurde die Kanzlerrede im Satz des Reichsanzeigers in Hundertausenden von Exemplaren in allen Wohnungen Berlins verbreitet. Es geschah dies offenbar auf Kosten des Welfenfonds hier ebenso wie bei der Verbreitung, welche in dieser Zeit hinsichtlich aller für Wahlzwecke verwendbaren Kanzlerreden stattfand. Dieselben wurden in Flugblattform allen Kreisblättern beigelegt. Die betreffende Nummer der “Ostendzeitung” enthielt noch eine Aufforderung des Oberlehrers Prof. Förster zur Unterzeichnung der bekannten antisemitischen Petition an den Reichskanzler. In dem Kommentar des Blattes zur Kanzlerrede hieß es dann noch weiter:

“Alle anständig und rechtlich denkenden Männer, die nicht im Solde des Judentums stehen, sind schon längst der Überzeugung, daß die gegenwärtige Miß- und Judenwirtschaft ein Ende finden muß, und, wenn das nicht anders möglich, mit Hilfe der Regierung. Dem Reichskanzler liegt die Würde und Unabhängigkeit der Reichsbeamten von einer jüdischen Stadtklique am Herzen. Darum schreien auch die elenden Judenlümmel fortwährend: Weg mit Bismarck! Sie wollen keine Freiheit und Erleichterung für die Armen, für das Volk; sie streben allein nach Ehre und Besitz und wollen jeden beseitigen, der ihnen ein Halt gebietet. Aber die Regierung wird dem Judenring recht bald ein energisches Halt gebieten. Die Parole sei: der Mann, der die äußeren Feinde zu Schanden gemacht, werde auch den noch gefährlicheren inneren Feind über den Haufen werfen. Die Parole laute: Hoch Bismarck! Weg mit dem Judenpack!”

Solche Hetz- und Schandartikel wurden also mittelst der dem Reichskanzler zur Verfügung stehenden Fonds verbreitet. Das Kanzlerblatt, die offiziöse “Norddeutsche Allgemeine Zeitung” sekundierte dazu und schürte weiter nach. Die Zusammenstellung einiger sensationell aufgeputzter Lokalreporternachrichten genügte dem Kanzlerblatt zum Beweise dafür, daß ein großer Prozentsatz der in Berlin täglich vorkommenden Selbstmorde auf Hunger und Elend zurückzuführen sind. Daraus wurden dann Vorwürfe gegen die Berliner Armenverwaltung zurecht gemacht. Zugleich wurde die Fortschrittspartei aus Anlaß der Sammlungen für ihren Centralwahlfonds in dem Kanzlerblatt in willkürlichster Weise verdächtigt, daß sie Unterstützungen von holländischen und englischen Juden erhalte.

Nachdem der Reichskanzler sich nicht gescheut, die allgemeine Verdächtigung auszusprechen, daß die Berliner Kommunalbehörden das Geschäftsinteresse maßgebend sein lassen, glaubten Konservative und Antisemiten in Berlin in ihrer Presse und in ihren Versammlungen einen Freibrief zu besitzen zu den niedrigsten und gemeinsten Lügen und Verleumdungen gegen die städtischen Behörden. So wurde damals in Versammlungen behauptet: alle städtischen Behörden vergeben die Lieferungen nach Parteirücksichten, legen Schulen an oder nicht, je nachdem ein Stadtverordneter Grundbesitz verkaufen kann. Man verstieg sich weiter zu der Behauptung: eine Million sei in die Tasche der Inhaber der Stadtverwaltung geflossen; niemand weiß, wo sie geblieben sei.

Seitens der Stadtverordnetenversammlung wurde dagegen Klage erhoben, und Konservative wie Nicht-Konservative waren in kommunalen Kreisen gleichmäßig empört über dies Treiben. Aber diejenigen, welche solche Verleumdungen aussprachen, waren dieselben Leute, welche zur Geburtstagsfeier des Reichskanzlers am 1. April große Feste in Berlin arrangierten. Derjenige, der den Vorwurf erhoben, daß die Verwalter der Stadt eine Million gestohlen haben, war bei dem Feste berufen, den Toast auf den Reichskanzler auszubringen und das übliche Huldigungstelegramm an ihn abzusenden.

Bis in den April hinein war auch die Agitation zur Sammlung von Unterschriften für die antisemitische Petition an den Reichskanzler fortgesetzt worden und dann abgegeben mit 255 000 Unterschriften, deren Richtigkeit zu prüfen freilich niemand in der Lage war. Es fügte sich eigenartig, daß zur Zeit der Abgabe dieser Petition der Veranstalter derselben, Oberlehrer Dr. Förster, noch an den Folgen der Prügel darniederlag, welche ihm der antisemitische Führer Schramm durch einen Überfall in seiner Wohnung in Charlottenburg beigebracht hatte. Eine Antwort auf die Petition wurde vom Reichskanzler nicht erteilt.

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