Die Prager Handelskammerwahl

Neue Freie Presse, 28. Juni 1881

Wien, 27. Juni. (Die Prager Handelskammerwahl.) Den heutigen Tag darf die deutsch·liberale Partei in Prag als einen Ehrentag verzeichnen. Trotz der schamlosen Pression, welche seit Wochen von den Czechen ausgeübt wurde, trotz der Drohungen, mit welchen man die Juden einzuschüchtern suchte, und trotz der Straßen-Excesse und der Mißhandlungen deutscher Studenten, die man nach einem systematischen Plane lediglich zu dem Zwecke inscenirte, um den Juden eine Vorahnung dessen beizubringen, was sie zu gewärtigen hätten, wenn sie den Werbungen der mit dreisten Zärtlichkeits-Bekundungen sich an sie herandrängenden Czechen nicht Folge geben sollten, hat die Verfassungspartei — wie uns aus Prag telegraphirt wird — in den Sectionen für Handel, Großindustrie und Bergbau einen glänzenden Sieg errungen und mit einer einzigen Ausnahme ihre Candidaten durchgesetzt. Unter ungünstigeren Umständen ist nicht leicht noch eine Wahlschlacht gewonnen worden, und die Deutschen Prags danken diesen Sieg nur ihrer eigenen Kraft, ihrer Einigkeit, ihrer Ausdauer und ihrer Rührigkeit. Vollständig Fiasco hat, wie aus diesem Wahlresultate hervorgeht, die Liebeswerbung der Czechen bei den Juden gemacht; diese konnten aber auch keinen Augenblick im Zweifel darüber sein, was sie von Liebkosungen zu halten haben, die ihnen wider Willen aufgedrungen werden, während man ihnen gleichzeitig den Knüppel vor die Nase hält. Unter den heutigen Verhältnissen müssen die Deutschen Böhmens sich daran genügen lassen, die gefährdeten Positionen zu behaupten, und so wird die Gewerbesection, über welche die Czechen schon bei den letzten Handelskammerwahlen verfügten, auch weiterhin in ihren Händen verbleiben.

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