Die Verjudung des deutschen Reiches – Der Sozialdemokrat, 9. Januar 1881

Im Reich der Gottesfurcht und frommen Sitte klagt man jetzt über die immer mehr um sich greifende „Verjudung“ In der That ist das Schachern zum Grundprinzip des deutschen  Reiches geworden und wir könnten es als ein Zeichen allmähliger Besserung betrachten, daß sich der Widerwille gegen den Schachergeist Luft macht, wenn das nur nicht blos gegen die kleinen Schacherer geschähe. So aber bekämpft man nur die beschnittenen Juden, während man das am Ruder sitzende unbeschnittene Judenthum verherrlicht und ihm in tiefster Devotion huldigt!

Das deutsche Reich ist „verjudet“ — das ist eine Thatsache. In andern Ländern stützen sich die Minister auf die Parteien, mit denen sie mehr oder minder gemeinsame politische Ziele verfolgen. In Deutschland aber wird die hohe Politik nach dem Gesetz des Schachers getrieben. Do ut des — was kannst du geben? Das ist Bismarck’s offen ausgesprocheuer Maßstab für politische Parteibünde. Bietet das Zentrum mehr als die Nationalliberalen, so bekommt Falk einen Fußtritt; wer den Schacher am besten versteht, wer am wenigsten von Bismarck fordert, ihm politisch am meisten zahlt, dessen Freund ist der Lenker der Geschicke Deutschlands. Es lebe der politische Schacher!

Unter solchem Beginne ist es kein Wunder, daß Alles käuflich geworden, Alles „verjudet“ ist!

In erster Reihe verdanken wir die Käuflichkeit der Gesinnung und damit die „Verjudung“ der Presse dem Majordomus der Hohenzollern. Mit dem Gelde des Reptilienfonds hat Bismarck eine Menge gewissenloser Zeitungsschreiber korrumpirt: diese Sorte schreibt, was und wie es befohlen   wird. „Anständige Leute schreiben nicht für mich“ — hat Bismarck zu Hoffmann, dem Verleger des Kladderadatsch, gesagt. Für Geld hat er ja jetzt genug unanständige Federn gefunden; er hat die Gesinnung zu einem Objekt des Schachers gemacht, hat sich die Bucher, Braß, Leonhard, Gneist und Consorten gekauft — wer anders als er trägt die Schuld an der Verrohung der Gesinnung?

Aber — „Es liegt ein Geist des Guten in dem Uebel!“

Dank der verjudeten Gesinnung des Reichskanzlers ist auch das monarchische Prinzip, die deutsche Monarchie selber vollständig verjudet! Die alte Monarchie stützte sich auf das Gottesgnadenthuni, d. h. auf den Knauf des Schwertes, auf die rohe Gewalt. Seit Bismarck über Preußen und die Hohenzollern herrscht, ist die Monarchie selber ein Objekt des Schacherns geworden, nicht mehr und nicht minder als eine Ladung Guano oder Ochsenhäute.

Dem Augustenburger nahm man noch ohne Weiteres sein „legitimes“ Erbrecht, brauchte noch in offener Räuberei die rohe Gewalt: die Firma Bismarck und Bleichröder hatte sich noch nicht definitiv konstituirt, das alte Prinzip der Monarchie war noch nicht vollständig bei Seite geschoben. Anders einige Jahre darauf. Da wurde mit dem Kurfürsten von Hessen und mit dem Herzog von Nassau um die Verzichtleistung auf das legitime Recht geschachert und letzteres für kostbares Geld losgeschlagen. Auch dem Hause Welf von Hannover bot man Geld und kann es nicht begreifen, wie ein legitimer deutscher König so dumm und so eigensinnig sein kann, sich Legitimität, Ehre, Thron und Krone nicht abkaufen zu lassen! Und doch ist der Welf der einzige deutsche Fürst, der durch diese Weigerung Protest erhebt gegen die Verjudung des monarchischen Prinzips!

Jetzt ist wieder ein Schachergeschäft um ein deutsches Thrönchen im Gange; die Bevollmächtigten können nur noch nicht um den Preis einig werden. Es gibt nämlich im deutschen Vaterland ein Fürstenthum Waldeck, mit dessen Fürsten die Firma Bismarck und von Bleichröder — der Jude Bleichröder ist nämlich vom König Wilhelm zu Bismarcks Standesgenossen gemacht, in den Freiherrnstand erhoben werden — um den Preis des Gottesgnadenthums feilscht und schachert. Der Jude des Fürsten will nicht billig verkaufen, der Jude des Kaisers will möglichst wenig zahlen. Es wird nun auf telegraphischem Wege etwa in folgender Weise verhandelt: „An Bleichröder Berlin. Bei so niedrigem Gebot verkaufe ich überhaupt nicht. Bedenken Sie doch: echtes Gottesgnadenthum, uralte Legitimität!“ Antwort: „Verlegene Waare! Ist jetzt überall billig zu haben. Für höheren Preis wollen wir unsern eigenen Vorrath zur Disposition stellen. Will und darf nicht mehr bieten. Fragen Sie meinen Kompagnon.“ An Bismarck Friedrichsruh: „Der Freiherr bietet wie ein Jude! Er beschimpft damit die Monarchie, auf die doch etwas extra bezahlt werden sollte. Legen Sie noch zu! Wir geben 5 Proz. Provision.“ Antwort: „Geben Sie 10 Proz., so will ich sehen, was sich machen läßt. Aber nichts an Bleichröder verrathen, der Semit wird so schon zu reich.“

So wird unter dem „legitimen König von Gottes Gnaden“ um Krone und Thron geschachert und die Republikaner können sich vergnügt die Hände reiben über diese Verjudung der Monarchie; liegt es doch nun auch für den Dümmsten klar auf der Hand, daß die Monarchie der Hohenzollern nur ein Nutzungsobjekt ist, daß sie einen Geldpreis besitzt, wie jede andere Waare! Damit ist der Bourgeoisie der Weg gezeigt, auf welche Weise sie aus dem theueren Kaiserreich hinauskommen und sich die billigere blaue Republik verschaffen kann.

Ihre Vertreter brauchen blos eine Rechnung aufzustellen und den Hohenzollern gleichen Preis zu bieten, wie diese dem Welfen. Kostet legitimes Gottesgnadenthum der Welfen nebst Thron und Krone 16 Millionen preußische Thaler, ist der gleiche Krempel für Kurhessen mit 8 Millionen genügend bezahlt — wie viel ist die Hohenzollernsche Legitimität nebst Krone und Thron werth? Wir rathen den unbeschnittenen Juden, auch auf eine etwas hohe Forderung einzugehen und das Geschäftchen abzuschließen; es wird ihnen reellen Profit abwerfen. Zeigt doch die Erfahrung, daß die Franzosen unter gleichen Verhältnissen ein gutes Geschäft gemacht haben, als sie ihren Kaiser für fünf Milliarden los wurden. Sie ermäßigen die Steuern von Jahr zu Jahr und zahlen trotzdem Schulden ab, während Deutschland, seitdem es einen Kaiser hat, von Jahr zu Jahr neue Steuern braucht und doch noch Schulden machen muß, um die Kosten des Kaiserreichs zu decken.

Man kann also den Hohenzollern schon einen etwas hohen Preis für ihre Legitimität mit allem, was drum und hängt, bieten, ohne dabei Gefahr zu laufen. Und warum soll man Bedenken tragen, auch um die Hohenzollernsche Monarchie in gleicher Weise zu schachern und zu handeln, wie es die Hohenzollern um andere Throne und Thrönchen thun?

„Verjudet“ ist jener Krempel so gut wie dieser — also fort mit Schaden! 

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