Nach der Verstaatlichung

Berliner Wespen, 18. Juni 1880

Nach der Verstaatlichung
Mehrere Verwundete. Ihr verdammten faulen Schwellen — — !

Die Schwellen. Nehmen Sie sich in Acht, wir sind jetzt im Staatsdienst, machen Sie sich keiner Beamtenbeleidigung schuldig!

Hintergrund

Eines der diversen Projekte von Bismarck in der Zeit ist die Verstaatlichung der Eisenbahnen. Hierüber machen sich die „Berliner Wespen“ lustig, die der oppositionellen Deutschen Fortschrittspartei nahestehen.

Hinweis

Bei Libera Media gibt es kommentierten Neuausgaben der Werke von Julius Stettenheim (1831-1916) und Alexander Moszkowski (1851-1934), den Machern hinter den „Berliner Wespen“ (einfach auf das Bild klicken):

 Wippchens Gedichte 1 klein 2 Wippchens%20Gedichte%20klein%202 Ein%20lustig%20Buch%20klein%202 Burlesken%20Klein%201 Tausend klein 2 Heiteres Allerlei klein 2 Moszkowski%20Kunst%201a%20klein MZ klein 4 Notenquetscher Dichtungen klein 2 MVF klein 2 NQ klein 2

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Sarah Bernhardt

Alexander Moszkowski, 1884

Sarah, Sarah überall —
Ohne Sarah kein Journal!
Sarah in der Kunstkritik,
Sarah in der Sportrubrik,
Sarah Bernhardt sicherlich
Unter und auch über’m Strich,
Sarah in polit’schen Theilen,
Sarah in Reporterzeilen,
Sarah in den Drahtberichten
Und in Feuilletongeschichten,
Sarah hier und Sarah da,
Sarah im „et cetera“,
Sarah’s Rechtstreit, der entwischten,
Im Lokalen und Vermischten,
Sarah’s neu’ste Fluchtgeschichte
Selbst im Polizeiberichte,
Sarah’s Liebe, Sarah’s Zorn
Unten, oben, hinten, vorn,
Sarah’s Fantasiegarderoben
Hinten, vorne, unten, oben,
Ohne Sarah-Memoiren
Nebst den längsten Commentaren
Eine einz’ge Spalte kaum.
Welchen ungeheuren Raum
Nimmt für sich doch ganz allein
Diese mag’re Dame ein!

Siehe auch: Das Grab von Sarah Bernhardt

Entnommen aus:

Marinierte Zeitgeschichte – Gesammelte Humoresken

(erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken)

MZ klein 4

Weitere Werke von Alexander Moszkowski
als ausführlich kommentierte Neuausgaben bei Libera Media:

MVF klein 2  Notenquetscher Dichtungen klein 2  Moszkowski%20Kunst%201a%20klein

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Das Grab von Sarah Bernhardt

Neue Freie Presse (Wien), 17. Juni 1880

SarahBernhardt_alsKameliendame1881

Sarah Bernhardt als Kameliendame 1881 (Quelle: Wikipedia)

[Das Grab von Sarah Bernhardt.] Man schreibt uns aus Paris: Es steht geschrieben, daß die in London gastirende Tragödin trotz ihrer Abwesenheit dem Pariser Publicum fortwährend Stoff zum Klatschen bieten muß. Ihre neueste Caprice ist nämlich nicht mehr der Sarg in ihrem Schlafzimmer, sondern ihr — Monument auf dem Père-Lachaise-Kirchhof. Es ist ein Marmor-Sarkophag mit einem Kreuze, überaus ernst und einfach und mit dem einzigen Worte als Inschrift: „Bernhardt“. Ganz wie man etwa „Goethe“ oder „Molière“ setzen würde! Das Grabmal erregt um so größeres Aussehen, als in der nämlichen Allée des Anglais und wenige Schritte von Sarah’s Ruhestatt entfernt ein zweites Monument mit großem Kreuze die Inschrift trägt: „Croizette„, woraus also erhellt, daß die beiden feindlichen Rivalinnen vom Théâtre Français wenigstens der Tod zusammenführen dürfte. Während aber das erste Grab schmucklos dasteht, ist dasjenige von Sophie Croizette mit Blumen bedeckt. Sie pflegt also ihre zukünftige Residenz, es sei denn, daß die zahlreichen Blumenspenden zarte Huldigungen leidenschaftlicher Anbeter wären, die sich nicht damit begnügten, ihr Bouquets in die Garderobe zu senden, sondern die ihr Andenken zum voraus ehren möchten. Eine solche Liebeserklärung auf dem Grabe ist allerdings neu.

Anmerkung

Alles etwas verfrüht: Sarah Bernhardt stirbt erst 1923. Immerhin wurde sie wirklich auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet (auf dem Grab steht auch ihr voller Name, nicht nur der Nachname). Sophie Croizette lebt nur bis 1901 und wurde anderswo beerdigt: auf dem Cimetière de Passy.

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Fernsprechverbindungen für Berlin

Berliner Tageblatt, 15. Juni 1880

Fernsprechverbindungen für Berlin. Um festzustellen, ob für Berlin ein Bedürfniß vorhanden ist, die Wohungen, Geschäftslokale, Fabrikanlagen &c. solcher Personen, welche sich des Fernsprechers als Verkehrsmittel bedienen wollen, in entsprechende Verbindung zu bringen und jedem Theilnehmer die Möglichkeit zu gewähren, sich zu jeder Zeit mit jedem anderen Theilnehmer mittels des Fernsprechers in Vernehmen zu setzen, werden diejenigen Personen, welche eine Einrichtung der vorstehend erörterten Art wünschen sollten, vom Staatessekretär des Reichspost-Amtes aufgefordert, sich dieserhalb schriftlich, oder während der Dienststunden von 9 Uhr Vormittags bis 3 Uhr Nachmittags persönlich, an das Telegraphen-Betriebsbureau des Reichs-Postamts, Französische Straße Nr. 33c, Zimmer Nr. 149, zu wenden, welches die nähere Auskunft über die bezüglichen Einrichtungen sowohl, als auch über die Bedingungen der Theilnahme ertheilen wird. — Es scheint somit, daß nunmehr die Postbehörde der Telephon-Frage für Berlin ernstlich näher getreten ist. — Inzwischen hat, wie wir hören, die internationale Bell-Telephon-Company von der hiesigen städtischen Bau-Deputation auf Veranlassung des Magistrats den Auftrag erhalten, einen Kostenvoranschlag einzureichen zur Herstellung von Telephon-Verbindungen des hiesigen Rathhauses 1. mit dem Köllnischen Rathhause, Breitestraße 20a (Centralbureau des Gaskuratoriums), 2. mit der Klosterstraße 68 (Städtische Wasserwerks- und Kanalisationskasse und Sparkasse) und 3. mit der Alten Jakobstraße 33 (Abtheilung für die Waisenverwaltung).

Siehe auch:

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Worterläuterung: „freisinnig“

Das Wort „freisinnig“ ist in Deutschland völlig verschwunden und von daher nicht unbedingt sofort verständlich. In der Schweiz gibt es den Ausdruck noch, vor allem als Bezeichnung für eine bestimmte politische Richtung (die Freisinnig-Demokratische Partei).

Wie weit die Verwirrung geht, kann man etwa an Versuchen ersehen, das Wort in andere Sprachen zu übersetzen. Auf Englisch wird etwa daraus „free-minded“ gemacht, auf Französisch „libre-penseur“. Beides ist sehr wörtlich genommen, nicht unbedingt falsch, aber doch irreführend. Zu beachten ist dabei, daß die französische Entsprechung in der Schweiz gar nicht „libre-penseur“, sondern „radical“ ist. Das macht auch Sinn, wenn man die ältere Bedeutung von „radikal“ kennt, was aber vielleicht noch weniger in Deutschland vorausgesetzt werden kann, als im Fall von „freisinnig“. 

Eigentlich ist es ganz einfach: „freisinnig“ ist schlichtweg das deutsche Wort für: „liberal“!

Da „liberal“ zu verschiedenen Zeiten eine bestimmtere Bedeutung hatte und etwa konkrete politische Gruppierungen bezeichnete, hatte das Wort „freisinnig“ lange Zeit eine umfassende Bedeutung ohne den Beiklang einer organisierten Richtung. In diesem Sinne wurde „freisinnig“ etwa zu Zeiten der Revolution von 1848 verwendet. „freisinnig“ konnte dabei genauso für jemanden verwendet werden, der ein Demokrat (auch eine Art Liberaler in der Zeit, ein weiteres leicht mißverstandenes Wort) oder ein Liberaler (ein eher gemäßigter Liberaler) war.

Oder es konnte sich auch um eine allgemeine Bezeichnung für eine Einstellung handeln, etwa wenn von „freisinnigen“ Christen (also nicht strenggläubigen) die Rede war. Ja mancher aufgeschlossene Konservative hätte vielleicht, wenigstens in gewissen Hinsichten, so genannt werden können. Und noch 1881 meint Ludwig Bamberger in „Die Sezession“, daß eigentlich jeder sich als „freisinnig“ sehe, und bescheinigt selbst den Sozialdemokraten, sie seien auch in einem gewissen Sinne „freisinnig“. Das ist durchaus richtig, wenn man nur auf den Teil ihres Programms schaut, in dem etwa Presse-, Glaubens- und Redefreiheit verlangt wurden. Man kann daran auch sehen, daß um die Zeit bei dem Wort „freisinnig“ eher an die bürgerliche und politische, jedoch nicht an die wirtschaftliche Freiheit gedacht wurde.

Im Jahre 1884 schloß sich nun aber die „Liberale Vereinigung“ (der vormalige linke Flügel der Nationalliberalen, zu denen auch Ludwig Bamberger zählte) mit der Deutschen Fortschrittspartei zusammen. Offenbar war das Wort „liberal“ zu sehr von den Nationalliberalen besetzt, die in der Zeit oft auch einfach als „Liberale“ bezeichnet wurden (was viele nicht verstehen und was zu komischen Fehlinterpretationen führen kann). Es war vermutlich auch kein Zufall, daß sich die „Liberale Vereinigung“ so nannte, als sie sich 1880 von der Nationalliberalen Partei löste, aber dabei betonte, deren eigentliches Programm weiterzuführen.

Da „liberal“ nicht in Frage kam, schaute man also nach einem anderen Begriff aus, und damit lag „freisinnig“ nahe, das in Deutschland bis dahin noch mit keiner spezifischen Richtung verbunden gewesen war. Die neue Partei nannte sich also „Deutsch-Freisinnige Partei“ (die Variante „Deutsche Freisinnnige Partei“ gab es in der Zeit durchaus auch, aber sie zeigt meist auch ein gewisses Unverständnis bei heutigen Lesern an, die die Verbindung „deutsch-freisinnig“ nicht begreifen können).

Dabei wurde genau genommen das „freisinnig“ durch das „deutsch“ als Adverb bestimmt. Beide bildeten jedenfalls eine Einheit. Auch hier ist die Auflösung eigentlich recht einfach, warum man das so machte, wenn man sich vergegenwärtigt, daß „deutsch“ dem Fremdwort „national“ entsprach, das auch zu jener Zeit noch andere Konnotationen als später hatte (nämlich, daß man ein einheitliches Deutschland im Gegensatz zu den Einzelstaaten haben wollte). Damit war die „Deutsch-Freisinnnige Partei“ übersetzt einfach: die Nationalliberale Partei!

Vermutlich sprach das besonders die ehemaligen Nationalliberalen an, die damit das Erbe der vormals liberal ausgerichteten, aber mittlerweile eher schon konservativen Nationalliberalen gewissermaßen reklamieren konnten. Auch die ehemaligen Mitglieder der Deutschen Fortschrittspartei, die anfangs alle Liberalen umfaßt hatte (von 1861 bis 1866), mußte das nicht stören, war ja auch ihre Terminologie mit dem „deutsch“ aufgegriffen.

Mit der Benennung einer bestimmten Partei verengte sich die Bedeutung von da an. Nunmehr wurde „freisinnig“ viel spezifischer aufgefaßt für diejenigen, die die Linie der Deutsch-Freisinnigen Partei und ihrer Nachfolgeparteien ab 1893, der Freisinnigen Volkspartei und der Freisinnnigen Vereinigung, vertraten. Zu deren Programm gehörte auch die wirtschaftliche Freiheit, die Ludwig Bamberger noch 1881 als nicht definierend angesehen hatte. In diesem engeren Sinn ist auch der Name der „Freisinnigen Zeitung“ (begründet 1885 von Eugen Richter) zu verstehen.

Weitere Worterläuterungen zu heute oft mißverstandenen Ausdrücken (z. B. „Volkspartei“, „Demokrat“, „radikal“, „links“, usw.) folgen …

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Mehr Schwung für Gary Johnson

Vor ein paar Tagen hatten wir noch darüber berichtet, wie das Interesse für Gary Johnson ansteigt. So schnell kann es gehen: das ist jetzt schon überholt. Das Tempo an neuen Likes auf der Facebookseite hat sich mittlerweile verdoppelt (von 15.000 auf 30.000 pro Woche).

Es gab eine ganze Reihe Entwicklungen, die für ein schnelleres Tempo sorgen. Nur die drei Sachen, die wir im Blick haben:

Das ist alles eine außerordentliche Reichweite, wenn man es einmal mit den Nischen vergleicht, die bei den letzten Wahlen 2012 für Johnson erreichbar waren. Hinzu kommen noch einige weitere Auftritte bei Medien mit einer großen Reichweite: CNN, FOX, MSNBC, usw.

Darüber hinaus gab es noch eine weitere interessante Entwicklung. Diejenigen Republikaner, die sich mit Donald Trump nicht anfreunden können (zu ihrer Ehre!), haben es nicht geschafft, eine Alternative aufzubauen, womit Gary Johnson und Bill Weld, zumal als ehemalige Republikaner, ins Blickfeld geraten.

Erstaunlich offen zeigte sich etwa Mitt Romney im Interview auf CNN mit Wolf Blitzer. In sehr scharfen Worten („trickle-down racism“) geißelte er Donald Trump und machte klar, daß er den „Donald“ unter keinen Umständen unterstützen würde. Dafür äußerte er sich wohlwollend über Gary Johnson und Bill Weld. Letzteren lobte er und meinte, Weld würde er sofort wählen, Gary Johnson müsse er sich anschauen, was er aber auch tun werde. Natürlich schluckte er bei Forderungen nach Legalisierung von Marihuana.

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Deutsche Fortschrittspartei gewinnt den 5. Wahlkreis in Berlin

Berliner Tageblatt, 12. Juni 1880

Der gestrige Wahltag im 5. Reichstags-Wahlkreise [1] gestaltete sich äußerlich sehr ruhig, denn es handelte sich ja nur um die Nachwahl [2] für eine Session [3]. Wer schärfer in das Getriebe hineinblickte, bemerkte aber die Spuren einer tiefgehenden Bewegung. Die Vertrauensmänner [4] waren in jedem Wahlbezirk auf dem Posten, und gegen 4 Uhr Nachmittags wurden sie gegen die säumigen Wähler mobil gemacht. Nun begann das Heranbringen der Säumigen, welche trotz Mutterns [5] Einspruch theilweise aus dem Mittagsschlaf aufgestört wurden. Mancher besonders Eifrige brachte es auf 30 Arrestanten [6]. In der Nacht zuvor waren dagegen die Sozialdemokraten eifrig thätig gewesen. Sie hatten Plakate in alle Häuser geworfen und theilweise sogar angeheftet. Die Polizei ihrerseits war aber ebenfalls auf dem Posten und vollzog mehrfache Verhaftungen. Unter dem Belagerungsgesetz [7] werden die Abgefaßten jedenfalls nicht mit leichten Strafen davonkommen, da der Wahlaufruf für Most [8] vollständig revolutionär lautet. Die Zeit, von Reformen zu sprechen, sei vorüber, die Revolution wolle ihr Recht haben. Die moderne Gesellschaft sei nicht mehr zu verbessern, sie müsse gestürzt werden. Die Losung laute also: Nieder mit Thron, Altar und Geldsack! Die Betheiligung an der Wahl war trotzdem nur eine schwache. Die Minoritäts-Parteien [9] besonders hatten wenig Gewicht auf die Wahl gelegt. So erschienen von den 28 ultramontanen [10] Wählern, welche sonst das katholische Krankenhaus stellte, dies Mal nur acht. Interessant war die Wahrnehmung, daß die Schutzleute, welche an der Wahlurne erschienen, sämmtlich für Träger [11] stimmten [12], von Seiten desjenigen, welcher etwa die Ordre [13] gegeben hatte, ein Zeichen richtiger politischer Einsicht. In den meisten Bezirken [14] hielt sich die Wahlbetheiligung auf 25 Prozent. Sie sank in manchen bis auf 17 Prozent, stieg in anderen dagegen bis gegen 40 Prozent. Die Durchschnitts-Betheiligung ergab für den ganzen Wahlkreis 22 Prozent. Von circa 20,000 Wahlberechtigten stimmten 4571, hiervon 4266 für Träger und 203 für Most, die übrigen 102 zersplitterten sich [15]. Das Wahl-Resultat wurde durch den Abgeordneten Hermes [16] in der Rosenthalerstraße 12 verkündigt und mit einem dreimaligen Hoch auf Albert Traeger aufgenommen. Auch hier waren die sozialdemokratischen Vertrauensmänner zur Stelle.

Anmerkungen

[1] Berlin hat sechs Wahlkreise, wobei der fünfte Wahlkreis (Spandauer Vorstadt, Friedrich-Wilhelm-Stadt, Königsstadt-West) eine Hochburg der Deutschen Fortschrittspartei ist.

[2] Im Februar war der bisherige Abgeordnete der Deutschen Fortschrittspartei Eduard Zimmermann (1811-1880) gestorben, weshalb ein neuer Abgeordneter gewählt werden mußte.

[3] Sitzungperiode des Reichstags. Die letzten Wahlen fanden 1878 statt. Da die Wahlperiode dreijährig war, stand nur noch die Sitzungsperiode 1881 an, die für 1880 war schon beendet.

[4] Mitglieder der Parteien, die die Wähler zur Wahl bewegen sollen.

[5] Ehefrau.

[6] Niemand wird hier verhaftet, die Ausdrucksweise ist spöttisch für die Bemühungen der Vertrauensmänner.

[7] Seit 1878 gilt das Sozialistengesetz. Unter diesem ist über Berlin der „kleine Belagerungszustand“ verhängt worden, unter dem jemand aus der Stadt ausgewiesen werden kann und auch andere Strafen vefügt werden können.

[8] Johann Most (1846-1906) war ein Politiker und Reichstagsabgeordneter. Unter dem Sozialistengesetz ging er nach Großbritannien ins Exil, wo er die Zeitung „Freiheit“ herausgab. Diese stand in Konkurrenz zum offiziellen Organ „Der Sozialdemokrat“, der in der Schweiz erschien. 1880 wurde er wegen seiner Linie, die auf eine gewaltsame Revolution drängte, aus der Partei ausgeschlossen. Er wandte sich dem Anarchismus zu und wanderte weiter in die USA aus.

[9] In Berlin sind alle Parteien außer der Deutschen Fortschrittspartei und den Sozialdemokraten chancenlos. Nur wenige Stimmen können die Nationalliberalen, Freikonservativen, Konservativen und die Zentrumspartei gewinnen.

[10] Anhänger der Zentrumspartei, die den Ultramontanismus unterstützen, der die weltliche Macht des Papstes („ultramontan“ hinter den Bergen) verteidigt.

[11] Albert Träger (1830-1912) war einer der führenden Politiker der Deutschen Fortschrittspartei.

[12] Die Wahlen zum Reichstag sind geheim, sodaß der Schreiber dies nicht wissen kann. Vermutlich schließt er das daraus, daß die Schutzleute zur Wahl gekommen sind, aber keine Stimmen für die einschlägigen Parteien abgegeben wurden. Beamte würden dazu gedrängt, konservative Kandidaten zu wählen, wenn sie das nicht sowieso von sich aus tun. Die Regierung ist der Deutschen Fortschrittspartei keineswegs wohlgesonnen, wie es hier klingt und der Wahlkampf 1881 zeigen wird.

[13] Befehl, Anweisung.

[14] Der Wahlkreis ist in Wahlbezirke eingeteilt.

[15] Die Stimmen wurden für verschiedene Kandidaten abgegeben. Man konnte jeden auf den Wahlzettel schreiben, der das passive Wahlrecht hatte.

[16] Hugo Hermes (1837-1915) war Abgeordneter für die Deutsche Fortschrittspartei im Wahlkreis Zauch-Belzig und Jüterbog-Luckenwalde in der Provinz Brandenburg, Regierungsbezirk Potsdam.

Hinweis

Bei Libera Media sind kommentierte Neuausgaben von Büchern erschienen, die mit dem Artikel in Verbindung stehen:

Eugen Richters (Deutsche Fortschrittspartei) Reichstagsreden gegen das Sozialistengesetz von 1878 und die Rede „Sozialismus und Reaktion“ von Rudolf Virchow (Deutsche Fortschrittspartei) im 6. Berliner Wahlkreis ebenfalls von 1878 (einfach auf die Bilder klicken):

Richter SozGes klein 4  Sozialismus und Reaktion klein 3

Und außerdem gibt es auch noch einen Band mit Gedichten aus dem Jahre 1858 von Albert Träger (die Schreibweise steht in der Zeit nicht fest, auch wenn Wikipedia es besser weiß) :

Traeger Gedichte klein 2

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Links der Woche

Hier eine kleine Zusammenstellung von Links zu Artikeln, die uns in der letzten Zeit interessant erschienen:

  • Tyler Cowen auf Marginal Revolution mit einem für ihn ungewöhnlich langen, dafür aber auch sehr durchdachten und anregenden Post über Neoreaktionäre: What is neo-reaction? – Es handelt sich um eine wenig bekannte Richtung in den USA, die aber eigentlich doch recht bekannt ist, weil sie viele klassische konservative Thesen aufwäscht. In Europa würde man das gar nicht mal als „neo“ wahrnehmen, weil es einfach die normale reaktionäre Sicht ist, wie es sie seit 200 Jahren gibt, allerdings in mancherlei Hinsicht modernisiert. Über die Hoppe-Schiene ist das auch in libertären Kreisen nicht unbekannt, und so hat in Deutschland der Begriff „libertär“ mittlerweile nach unserem Dafürhalten, eine sehr verschobene Bedeutung erhalten, so verschoben, daß wir den Begriff meiden, weil er einfach mißverständlich geworden ist.
  • Jorge Arprin auf arprin: Bitte kein Völkermord mehr – sehr gute Punkte zum inflationären und gehaltlosen Gebrauch des Begriffs „Völkermord“. Der Wurm steckt auch drin, weil man ein Kollektiv des Volkes als etwas anderes ansieht als einfach die Menschen, die dazugehören. Letztlich ist es ein Massenmord, und das ist schon verwerflich genug und läßt sich eigentlich gar nicht steigern. Das Ziel, alle Menschen einer Gruppe auszurotten, ist natürlich besonders perfide. Aber das wäre ja auch so, wenn man sich nur das Ziel setzen würde, jeden zweiten umzubringen.
  • Gary Chartier bei den Bleeding Heart Libertarians: Libertarianism and the Varieties of Virtue – Hintergrund ist die Unterscheidung zwischen „thick“ und „thin“ für Libertarismus. Dünner Libertarismus ist in diesem Sinne eine Haltung, bei der man nur darauf achtet, daß jemand keinen Gewalt (oder allgemeiner Zwang) beginnt. Ansonsten ist alles egal. Prinzipiell läßt sich damit fast alles verbinden. Jemand könnte voll des Hasses für bestimmte Menschen sein, die übelsten Sachen über sie behaupten, gegen sie hetzen, die Argumente zusammentragen, wieso sie vernichtet werden sollten, usw. Solange er nur keine Gewalt anfängt, kann er ein Libertärer sein. Bei dickem Libertarismus wird mehr gefordert, d. h. auch eine Einstellung, eine Weltsicht, Wertsetzungen, die zum allgemeinen Prinzip passen. Haß zu säen, gegen andere zu hetzen, usw., würde jemanden als Libertären disqualifizieren (was nicht heißt, daß ein solcher Hetzer gewaltsam unterdrückt werden darf, solange er selbst nicht anfängt). Die Unterscheidung zwischen „thick“ und „thin“ wurde vor allem auf dem Blog der Bleeding Heart Liberatarians aufgebracht. Dort wurde eine Art von dickem Libertarismus vertreten und aus diesem Blickwinkel dünner Libertarismus (eher mit einem konservativen Beiklang) kritisiert. Nun drehen William Ruger and Jason Sorens die Sache um und argumentieren für einen dicken Libertarismus, der in eine konservative Weltsicht eingebettet ist. Gary Chartier reagiert von Seiten der Bleeding Heart Libertarians seinerseits darauf. Interessante Diskussion: es ist eine Sache zu begründen, wieso ein dünner Libertarismus zu wenig ist, aber daraus folgt noch nicht, wie er aufgedickt werden sollte. Da gibt es nicht nur eine Möglichkeit.
  • Mariassunta Giannetti und Bige Kahraman  bei VoxEU: The organisation of the asset management industry and the benefits of closed-end structures – Es geht um die Frage, ob und warum an Kapitalmärkten Fehlpreisungen nicht oder nicht weitgehend genug korrigiert werden. Die Behauptung des Artikels ist es, daß das an den Anreizstrukturen von Investoren liegt. Unter der Drohung von Mittelabflüssen können längerfristige Positionierungen nicht eingegangen oder durchgehalten werden. Das erscheint plausibel. Es ist allerdings nicht ganz klar, ob man objektiv solche Fehlpreisungen erkennen kann, womit das Ziel unklar ist, an dem die Ergebnisse gemessen werden. Wie im Artikel vorausgesetzt wird, gibt es auch Marktteilnehmer, die weniger starken Anreizen in der Richtung unterliegen. Selbst wenn die anderen hier Möglichkeiten auslassen, ist es nicht selbstevident, wieso die weniger restringierten Investoren die Beseitigung von Fehlpreisungen nicht alleine schaffen können. Es gäbe ja viel dabei zu verdienen. Man muß hier wohl noch eine Annahme reinstecken, daß es Begrenzungen für die ungebundeneren Investoren gibt, warum diese nicht den Markt bestimmen.
  • David Friedman bei Ideas: The Origin of the Law of Torture: A Cautionary Tale – David Friedman gibt eine Erklärung, warum Folter in früheren Zeiten als Mittel zur Wahrheitsfindung eingesetzt wurde. Er vergleicht das mit ähnlichen Mechanismen, besonders im amerikanischen Recht, wo viele Prozesse durch „plea bargaining“ geregelt werden.
  • Und Jonathan Glancey stellt auf der Website der BBC eine Sammlung von Gebäuden vor, die durch ihre herbe Form verzücken oder auch nicht (HT: Tyler Cowen): Ten beautiful Brutalist buildings.
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Die Vorgänge in Arabien

Neue Freie Presse (Wien), 10. Juni 1880

Wien, 9. Juni.

Die Nachrichten aus Türkisch-Asien, welche als Bestätigung der Depesche Dubsky’s an Baron Haymerle einlaufen, lauten sehr ernst. Mansur Pascha, der Rebellen-Chef am arabischen Strome, marschirt gegen Bagdad; Midhat Pascha, der Gouverneur von Syrien, hat seine Entlassung gegeben, und unter den Wanderstämmen der syrischen Wüste, die bis zum Euphrat schweifen, herrscht große Gährung. „Unglücksfälle,“ sagt das arabische Sprichwort, „kommen allemal in Schwärmen wie Nachtvögel.“ Man begreift vollkommen, daß die Pforte gerade jetzt, wo gewisse „freundschaftliche“ Rettungsversuche ihr so große Pein verursachen, die Vorgänge in Arabien nicht auf die leichte Achsel nimmt. All diese Ereignisse stehen nämlich in bedrohlichem Zusammenhang. Midhat, der so oft mit glühendem Patriotismus für sein Vaterland eingetreten, scheint es endlich überdrüssig geworden zu sein, an einem so exponirten Posten, wo man ihm die durchgreifendsten Reformen ohne die geringste Unterstützung zumuthet, auszuharren. Er muß unter den obwaltenden Umständen eine Verantwortlichkeit ablehnen, die bis ins Ungeheuerliche anwachsen kann. Ohne Geld und irgend welche nur halbwegs genügende Machtmittel könnte er möglicherweise einen Rückschlag der am arabischen Strome ausgebrochenen Unruhen auf Syrien erleben. Man hat ihn in Damascus im Stiche gelassen, wie vor zehn Jahren im Irak, wo in Folge der Stambuler Serail-Politik ein ganzes, mit edler Energie angestrebtes Reformwerk in Scherben ging. Midhat kennt die Verhältnisse im Irak; er weiß nur zu gut, daß die Empörung des mächtigen, ein gutes Drittel des Irak bewohnenden Großstammes der Muntefik (sprich: Muntefij), welcher sich bis vor Kurzem mit den Türken verhältnißmäßig besser als die die übrigen Stämme des Paschaliks vertrug, kein blos localer Zwischenfall gewöhnlicher beduinischer Aufruhrluft ist, wie solche die türkische Herrschaft auf diesem vielumstrittenen Boden der stolzen Khalifen-Tradition von jeher zu bekämpfen hatte; er weiß vielmehr, daß dieselbe ein Ereigniß von nicht zu unterschätzender politischer Tragweite bedeutet. Denn was man auch halten mag von den im verflossenen Jahre wiederholt auf egyptischem Wege herübergelangten Sensationsnachrichten von einem auf Wiederherstellung eines arabischen Großreiches abzielenden Geheimbunde mit dem Sitze in Maskat, Derajeh oder im Wüstenschlosse des Emirs von Nurim, wie sehr man auch die ausgesprochene Candidatur des jugendlichen Abdul Aziz im Oman, eines Feissul in Riad und eines Mansur in Basra für das Khalifat anzweifeln und die gemeldeten Details in das Gebiet des Verschwörungsromanes verweisen mag: für den Kenner der Verhältnisse in Vorder-Asien sind alle diese Dinge doch etwas mehr als Luftspiegelungen. Wer mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört, wer die Entwicklung jener Verhältnisse in den letzten zwanzig Jahren mit Interesse verfolgt hat, der kann sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß der arabische National-Gedanke bei den seßhaften wie den nomadisirenden Bevölkerungen große Fortschritte gemacht hat. Unzweifelhaft ist es auch, daß der Wahabismus den Sauerteig jener Gährung bildet, welche man in diesem Augenblicke einzig und allein auf die durch die Ermordung des Mekkaner Großscherifs hervorgerufene allgemeine Unzufriedenheit zurückführen will.

Die Sache liegt tiefer. Die arabischen Länder sind unterwühlt. König Feissul mit dem „dicken Bäuchlein“ ist kein großer Krieger, aber ein großer Propagandist. Man hat sichere Kunde, daß die Emissäre des Wahabiterfürsten bis nach dem fernen Maghreb, bis in die Tiefe des schwarzen Welttheiles, bis nach Indien schweifen, um die ganze islamitische Welt, wo sie auch nur dem Namen nach hinreicht, der puritanischen Lehre der Einheitsbekenner, dem unverfälschten Koranworte wieder zu gewinnen. Die Aufregung der syrischen Wüstenstämme ist auf diese Einflüsse zurückzuführen; so ist’s zum Beispiele bekannt, daß die Rualla, dieser mächtigste anesitische Clan, längst wahabitisch gesinnt ist, während verschiedene Kleinstämme der Anesch, wie die Mauâli, Seba’a, Fedâan u. s. w., den Puritanern Mittel-Arabiens noch feindselig und deßhalb auch mit der Rualla oft in Fehde sind. Nicht minder bekannt ist das Wahabiterthum der Delta- und Riffpiraten des Persermeeres, der Aldschiwazim, Siab und Atub. Was die Muntefik anbelangt, so sind sie seit geraumer Zeit dem wahabitischen Islam gewonnen, und insbesondere Mansur, der Großscheikh, ein eifriger Wahabit, während die schiitischen Euphratstämme den Neuheiligen aus dem Hochlande die Zerstörung und Plünderung der Heiligen Stadt Kerbela (1802) immer noch nicht verzeihen können. Und aus diesem Zwiespalte kann der Pforte Heil erwachsen. Ist’s wahabitischer Einfluß, der Mansur Pascha gen Bagdad treibt, dann wird er in den Schiiten ein entschieden feindseliges Element finden, welches schwer ins Gewicht fällt, denn die Bevölkerung am Schat ist stark schiitisch gemischt. Geht der tapfere Muntefik auf eigene Faust darauf los, dann wird wol der Vali Abderrahman Succurs genug erhalten, um dem Rebellen-Chef raschen Empfang zu bereiten. Allerdings muß bei der Beurtheilung der ganzen, immerhin gefährlichen Sachlage ein Factor nicht vergessen werden, welcher heißt: die Engländer am Euphrat.

Es steht nämlich außer Zweifel, daß fast ebenso im Stillen, wie die Russen auf den Hochebenen des Altai, nur ganz unblutig, die Briten in den Niederungen des alten Chaldäerlandes, welches die Dichterzungen von Hira als das Herz der Welt priesen, bemerkenswerthe Fortschritte gemacht haben, wenn dieselben sich auch noch nicht in Quadratmeilen ausdrücken lassen. Sie betrachten heute Arabistan als ein indisches Borderland und besitzen in dem neuerworbenen Schathafen Mohammera einen Schlüssel für künftige Erwerbungen zu Gunsten ihrer bekannten gewaltigen Verkehrslinie, die dereinst Indien mit dem Mittelmeere direct verbinden soll. Dies Mohammera, an dem Einflusse des schiffbaren lurischen Flusses Kuran und dem einzigen schiffbaren Mündungsarm des Schat gelegen, nennen sie heute schon gerne ein zukünftiges Schat-Alexandrien. Türken und Perser haben sich so lange um den Besitz dieses wichtigen Punktes herumgezankt, bis er endlich englisch geworden ist. Wenn man, auf der schmalen Schiffbrücke von Bagdad stehend, den Blick stromabwärts gleiten läßt, so bleibt derselbe jenseits des Zollhauses, wo die kleinen Tigrisdampfer liegen, auf einem weitläufigen Gebäude haften, dessen langgestreckte Gartenterrasse auf den Strom hinausspringt. Dort hat der Resident der Königin Victoria seinen Sitz, welcher in nicht gar ferner Zukunft einen bedeutenden Actionspunkt der britischen Orient-Diplomatie bilden dürfte. Bis zum Ende des verflossenen Jahrhunderts war England in Bagdad nicht eigentlich consularisch vertreten; noch Samuel Manesti, der vielgenannte ausgezeichnete Resident in Basra, welcher die große Factorei der Compagnie leitete, ließ die Bagdader Geschäfte durch einen armenischen Agenten besorgen. Der erste Resident mit Consulsrang kam 1798 in der Person des Mr. Hartford Jones in die Tigrisstadt. Eigentliche Bedeutung indeß gewann der neue diplomatische Sitz erst Anfangs der Fünfziger Jahre unter dem berühmten Forscher Sir Henry Rawlinson, welcher zum General-Consul ernannt wurde. Seit jener Zeit bildete sich in Bagdad eine englische Colonie, deren Mitglieder nicht allein die Reiselust oder der Jagdsport, in den Rohrmarschen den wilden Eber zu speeren, dahin geführt hatte. Heute ist Bagdad Hauptstation des indischen Telegraphen und besitzt eine besondere englische Post nach Beyrut, Indien und Persien. Ein britisches Kriegsschiff liegt jahraus jahrein im Tigris vor Anker, und der Steamerdienst auf dem Strome ist ganz in den Händen der Engländer, nachdem die von dem einsichtsvollen Midhat als Concurrenz gegründete Dampfschifffahrt-Gesellschaft mit dem Sitze in Basra so ziemlich zu Grunde gegangen. Der wirthschaftlich so wichtige Transport der schiitischen Kerbela-Pilger, welche zur See anlangen (im verflossenen Jahre mehr als 100,000), wird ebenfalls von den Engländern besorgt; sie bringen die Wallfahrer, welche in Mohammera auf britischen Dampfern von Kurratschi und Bombay anlangen, den Tigris hinauf nach Bagdad, dem Sammelpunkte der Schiiten-Karawanen. Der Einfluß der Engländer auf die arabischem Stämme, mit welchen sie auf indische Rechnung in lebhaftem Pferdehandel stehen, ist ein sehr bedeutender, und gerade der Emir der Muntefik verkehrt als erster Pferdezüchter und Händler im Lande sehr viel mit der englischen Colonie. Dieses überaus gute Verhältniß datirt übrigens schon aus Rawlinson’s Zeiten, welcher mit Mansur auf freundschaftlichem Fuße stand.

Inwieweit nun die einzige, bisher in Arabistan consularisch vertretene europäische Macht sich mit ihrem, sei es platonischen, sei es praktischen Interesse an den gegenwärtigen Wirren betheiligt und inwieweit sie mit den großen, von Arabien selbst ausgehenden Einflüssen zu ihrem Vortheile zu rechnen vermag, wäre schwer zu sagen. So viel steht jedoch fest, daß der Pforte zu so gelegener Zeit bereitete Verlegenheiten, von wo dieselben auch ausgehen mögen, einer gewissen Politik „der Loyalität“ nicht unwillkommen sein dürften.

(Ein Schlußartikel folgt.)

Siehe auch: Absetzung des Sultans vom Khalifat?

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Ueber den gräßlichen Nothstand, der noch immer in Armenien herrscht

Berliner Börsen-Zeitung, 9. Juni 1880

— Ueber den gräßlichen Nothstand, der noch immer in Armenien herrscht, schreibt man dem Wiener „Fremdenbl[att].“ aus Kontantinopel vom 31. Mai: „Der Präsident des Armenischen Hilfscomités Herr Khrimian hat an den Armenischen Patriarchen in Konstantinopel ein Telegramm gerichtet, welches den Zustand Armeniens in den düstersten Farben schildert. Zu der Hungersnoth, die in der unglücklichen Provinz herrscht, gesellen sich die Plünderungen und Gewaltthätigkeiten der in derselben herumstreifenden Kurden und vermehren die Schrecken dieser Geißel. Eine vollständige Verwüstung Armeniens steht zu befürchten. Die Furcht vor den Kurden bestimmt einen großen Theil der Landbevölkerung, die Flucht zu ergreifen, ohne ihre Felder zu bestellen; die wenigen Muthigen, welche zurückbleiben, werden mißhandelt und oft genug ermordet. Auf diese Art werden die Anstrengungen der Hilfscomités lahmgelegt, die Hungersnoth nimmt zu, statt gemildert zu werden. Die Kurden stürzen sich, ihren räuberischen Gewohnheiten getreu, auf die unglücklichen Dörfer und hinterlassen überall Spuren der Verwüstung. Im Kadza-Erdzisch und besonders in Adardjewaz, deren Bodenproduction hinreichen würde, das ganze Vilajet zu ernähren, hat der Kurdenstamm der Haydaranie erst kürzlich arg gehaust, ihre unersättlichen Thiere haben die ganze Gegend kahl gefressen; dann haben sie eine Menge Lastthiere mit sich fortgetrieben und eine solche Panik verbreitet, daß die armen Landleute Alles im Stiche ließen und die Flucht ergriffen. Dieselben Kurden haben im Dorfe Zako des Districtes Kiavash einen auf dem Felde arbeitenden Bauer getödtet, das zur Aussaat bestimmte, den Bauern gehörige Getreide geraubt, Mühlen geplündert und eine Carawane, welche die von der Commission den Nothleidenden geschickten Lebensmittel transportirte, ausgeplündert, wobei ein Maulthier-Treiber getödtet und mehrere verwundet wurden. Aus Alzak erfährt das Comité aus sicherer Quelle, daß der Kurdenstamin Achak die Dörfer von Alzak geplündert und alle Felder verwüstet hat. Es ist unmöglich, alle Acte von Gewalt, Plünderung, Grausamkeit und Verbrechen aufzuzählen, welche die Bevölkerung zur Verzweiflung treiben, und die Bemühungen, einer noch furchtbareren Hungersnoth in der Zukunft vorzubeugen, fruchtlos machen. Die Behörden, welche die Provinz regieren, blicken, weit entfernt, die Uebelthäter zu bestrafen, als müßige Zuschauer auf das Treiben dieser Horden, welche die Hungersnoth, die jetzt Armenien verheert, herbeigeführt haben. Wenn die wirksamen und tiefgreifenden Reformen, welche der Sultan seit Langem zugesagt hat, nicht schleunig eingeführt werden, wenn nicht ohne Zeitverlust geeignete Maßregeln getroffen werden, um diesen Uebelständen Einhalt zu thun, so steht zu befürchten, daß die ganze Bevölkerung Armeniens sich zerstreut oder zu Grunde geht und daß die Bemühungen der Hilfscomités ohne allen Erfolg bleiben werden.

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Welche Mittel die Amerikaner anwenden

Berliner Tageblatt, 9. Juni 1880

Welche Mittel die Amerikaner anwenden, um ein „volles Haus“ zu erzielen, dafür möge folgendes Beispiel sprechen. Ein Menageriebesitzer zeigt an, daß sein gelehriger Elephant zu seinem Benefiz auf einem prachtvollen Erard einige Klavierstücke vortragen werde. Alles rennt hin, um den neuen Virtuosen zu hören, und eine große Einnahme wurde erzielt. Vor Schluß der Vorstellung wird ein schönes, nagelneues Pianoforte mitten in den Cirkus hineingestellt und der Deckel abgehoben. Lautlose Stille. Der Elephant tritt nach den üblichen Verbeugungen an das Instrument, hebt endlich seinen Fuß und setzt ihn auf die Klaviatur. Plötzlich erhebt er ein schreckliches Geschrei, das wie Weinen klingt und die Zuschauer mit nicht geringer Angst erfüllt. Der Besitzer des Thieres tritt endlich hinzu und nachdem er seinen Kopf in den Rachen des Elephanten gestreckt, um dort die Ursache des Weinens zu erfahren, läßt er den dickhäutigen Virtuosen vom Klavier wegführen, indem er der staunenden Menge verkündet: „der Elephant könne auf dem Klavier nicht spielen, da er zu tief ergriffen sei, weil er in den Tasten der Klaviatur die Zähne seiner armen Mutter erkannt habe!“

Siehe auch: Der gerochene Elephant

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Interesse für Gary Johnson wächst

Eine kurze Beobachtung: Wir schauen auf die Anzahl der Likes für die Seite von Gary Johnson auf Facebook. Es gab durchaus schon ein gewisses Interesse vor mehr als ein paar Wochen, mit ein paar Tausend (unterer einstelliger Bereich) neuen Likes pro Woche. Aber mittlerweile gab es doch mehrere Schübe, die den Zuspruch und dessen Zuwachs auf ein höheres Niveau gehoben haben.

Ende März hatte die Seite etwa 390.000 Likes. Der erste Schub kam mit der Entscheidung in den republikanischen Vorwahlen, mit der die neuen Likes deutlich anstiegen (etwa eine Verdoppelung). Ein weiterer Schub folgte mit der Nominierung durch die Libertarian Party Ende Mai. Mit der Entscheidung auch in den demokratischen Vorwahlen zieht das Tempo nun noch einmal deutlich an.

Der aktuelle Stand liegt bei gut 460.000 Likes, wobei die neuen Likes etwa in einer Größenordnung von 15.000 pro Woche reinkommen. Ungefähr die Hälfte des Anstiegs seit Ende März kam in den letzten drei Wochen, Tendenz steigend.

Das ist immer noch recht wenig: Bis zu den Wahlen sind noch etwa fünf Monate, gut zwanzig Wochen. Das wären bei der aktuellen Geschwindigkeit etwa 800.000 Likes um die Zeit, also relativ wenig gegen die ungefähr 3,8 Millionen für Hillary Clinton oder die 8 Millionen für Donald Trump jetzt (bei beiden wären noch Likes für verwandte Seiten hinzuzählen).

Eine Auswertung über Google Trends von Reason ergibt ein ähnliches Bild: ein sehr starker Anstieg, viel mehr Interesse für Gary Johnson als 2012 (die Spitze wurde da erst um die Zeit der Wahl erreicht), aber doch noch eher eine Randerscheinung gegenüber den Hauptkandidaten.

Siehe: More Seeking Out Info on Libertarian Party, Gary Johnson Than in 2012.

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Der Henker in Spanien

Neue Freie Presse (Wien), 7. Juni 1880

Aus einem interessanten Werke, welches de Foresta, General-Procurator in Bologna, über Spanien geschrieben hat (La Spagna. Da Torino a Malaga) und in welchem die Gesetzgebung, die Einrichtungen des Rechtswesens, die Gefängnisse &c. in fesselnder Weise besprochen werden, entnimmt die Juristenzeitung folgende merkwürdige Begebenheit: „Ich war in Sevilla,“ erzählt de Foresta. „Eines Tages bemerkte ich einen Greis mit finsterem Aeußeren, sehr vernachlässigter Kleidung, welcher mit einem Klappstuhl unter dem Arme spazierte, und Alle betrachteten ihn mit Verachtung. Ich fragte einen mir begegnenden Sevillianer, wer dieser sonderbare Mensch sei? — „Es el verdugo“ — antwortete er. Meine Kenntniß der spanischen Sprache war noch nicht so weit vorgeschritten, um das Wort „verdugo“, welches ich nie gelesen hatte, zu verstehen. Ich erwiderte daher: Quien es el verdugo? — „Aquel, que da el garrote“ (Jener, welcher die Garotte, das eiserne Halsband, mit welchem der Henker in Spanien das Todesurtheil vollzieht, anlegt), antwortete mein Freund. Nun begriff ich, warum das Volk mit üblen Augen jenes Individuum ansah. Ich erfuhr denn auch, daß es ihm nicht gestattet ist, sich in irgend einem öffentlichen Local niederzusetzen und daß er darum einen Klappstuhl bei sich trägt, um sich niederzusetzen, wenn er müde ist. Niemand richtet an ihn das Wort oder antwortet ihm; er ist selbst von dem Pöbel mißachtet und an den Pranger gestellt. Ich erinnere mich, es sind zwei Jahre her“ — fügt de Foresta, einer der eifrigsten Kämpfer für die Abschaffung der Todesstrafe, hinzu — „daß ich, in Nizza anwesend, mit Vergnügen in den Zeitungen las, wie der famose „Monsieur de Paris“, welcher dort behufs Vollzuges eines Todesurtheiles requirirt war, weder Obdach noch Speise gefunden hatte und genöthigt war, die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen, und sich mit einer Malzeit in der Restauration der Station begnügen mußte, er nach Vollendung seines blutigen Werkes die Rückreise antrat. Wer erinnert sich an Uebrigen nicht jener treffenden Bemerkung des Abbé Maury, welcher, als der französische Convent votirte, daß jeder Bürger gehalten sei, Sanson, den Henker von Paris, zu eachten, sich zum Dolmetsch der Empfindung des Volkes mit den Worten aufwarf: „Macht ihr nur eure Gesetze, wie ihr wollt, befehlt durch Decret die Hochachtung des Henkers, allein ihr werdet nicht verhindern, daß die öffentliche Meinung, welche der Todesstrafe feindlich ist, Sanson und seine Nachfolger mit Schaudern betrachten werde!“

Hintergrund

Italien ist eines der ersten Länder, die die Todesstrafe abschafften, und zwar 1889 (erst wieder 1930 von den Faschisten wiedereingeführt). Die zu Österreich in der Zeit gehörende Toskana schaffte die Todesstrafe 1786 sogar als erstes Land ab. Die Niederlande schafften 1870 (außer im Militärrecht) die Todesstrafe ab. Und auch in Deutschland wäre es im selben Jahr fast dazu gekommen. Im Reichstag wurde in den ersten zwei Abstimmung für die Abschaffung gestimmt, bis sich Bismarck für die Todesstrafe einsetzte und genügend Nationalliberale ihm dabei folgten, daß die Todesstrafe im dritten Wahlgang doch erhalten blieb.

Hinweis

Bei Libera Media erscheinen kommentierte Neuausgaben zur historischen Diskussion über die Todesstrafe:

  • Richard Eduard John: Über die Todesstrafe (1867)
  • Franz von Holtzendorff: Das Verbrechen des Mordes und die Todesstrafe (1875)

Schon erhältlich über Amazon ist das Buch: Franz von Holtzendorff: Die Psychologie des Mordes (1875):

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Alles nur wegen der Ozonerwärmung

von Henning Helmhusen

Death-Metal-Konzert
als Open-Air abgesagt
wegen Lebensgefahr!

Siehe auch:

Weitere Aphorismen und Satiren finden sich auch im neuen Buch von Henning Helmhusen bei Libera Media (erhältlich über Amazon): „Lachen gefährdet Ihre Gesundheit“

Helmhusen Lachen klein 4

 

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Komisch

von Julius Stettenheim, 1898

Es geht ja vielen Wörtern unseres geliebten Deutsch recht schlecht. Sie werden falsch angebracht, entstellt und ihrer eigentlichen Bedeutung entkleidet, und dieser Unfug hat mich genöthigt, in mehreren Kapiteln gegen solche Behandlung zu protestiren, indem ich mir Mühe gab, ihn bei Lichte besehen zu lassen. Keinem Wort aber wird mehr Gewalt angethan als dem Wort „komisch“. Es ist ein vollgiltiger Beweis für die im mündlichen Verfahren eingerissene Gedankenlosigkeit, daß gerade gegen das Wort „komisch“, dessen Sinn doch nur mit Anstrengung verkannt werden kann, mit ganz besonderer Verleugnung desselben verfahren wird.

Wir treffen einen alten Bekannten, den wir seit längerer Zeit nicht gesehen haben. Es ist ja eine der schönen Eigenschaften der Großstadt, daß man alte Bekannte gewöhnlich längere Zeit nicht sieht. Der alte Bekannte sieht ziemlich erbärmlich aus. Wir fragen ihn also, worüber er zu klagen habe. „Ach,“ antwortet er, „fragen Sie nicht, mir ist jetzt immer so komisch.“ Damit will er nun allerdings klagen, daß sein Inneres in Unordnung gerathen sei. Sein Magen hat sich der modernen Arbeiterbewegung angeschlossen und streikt, seine Nerven leiden Noth wie die Landwirthe [1], kurz, es fehlt ihm was, oder er hat etwas zu viel, und er behauptet, ihm sei jetzt immer so komisch. Was aber an einem Leiden komisch sein kann, das begreift man natürlich nicht, indeß hört man so oft über Komischsein jammern, daß man sich längst daran gewöhnt hat, einen Menschen, dem komisch ist, für krank zu halten und nicht etwa für besonders heiter oder zum fortwährenden Lachen disponirt [2], und man ist verpflichtet, dem Komischen gute Besserung anstatt die Fortdauer einer beneidenswerthen Stimmung zu wünschen. Woher es aber kommen mag, daß Jemand, dem übel ist, behauptet, ihm sei komisch, das wird ein Räthsel bleiben. Wem übel ist, dem ist ernst, aber nicht komisch. Ich bin überzeugt, daß auch Aerzte häufig über einen Zustand des Komischen klagen hören, und kann mir denken, daß sie mit dieser Auskunft absolut nichts anzufangen wissen.

Es geschieht uns in der ernsthaftesten Stimmung, aus der heraus wir irgend etwas behaupten oder erklären, daß wir die Bitte hören: „Aber seien Sie doch nicht komisch!“ Gerade in den Momenten, wo wir durchaus nicht zu scherzen Lust haben und nicht im Entferntesten daran denken, etwas Heiteres zu sagen, werden wir aufgefordert, nicht komisch zu sein! Man braucht nur die Einladung, mit einem Freunde in ein Possentheater [3] zu gehen, abzulehnen, weil man nicht in der passenden Stimmung sei, sofort wird man den Ausruf hören: „Bist Du aber komisch! Gerade in solcher Stimmung muß man sich aufzuheitern suchen.“ Man ist demnach komisch, wenn man über irgend etwas verstimmt ist oder etwas erlebt hat, zu dem der Tingeltangelwitz [4] wie die Faust aufs Auge passen würde.

Vor einiger Zeit suchte mich ein Freund auf, der aus seiner kleinen Vaterstadt gekommen war, um Berlin in etwa vier Tagen gründlich kennen zu lernen und dann ein möglichst hartes Urtheil über die Riesenmetropole zu fällen, wie dies allgemein zu geschehen pflegt. Man hat ja seine liebe Noth mit den Kleinstädtern. Sie sind in Mängeln aller Art so verwöhnt, daß sie in Berlin vorzugsweise nach Mängeln suchen und infolge dessen blind für die Vorzüge der Weltstadt sind oder selbst in diesen irgend einen empfindlichen Mangel entdecken. Mein Freund hatte ein merkwürdiges Interesse für die Rieselfelder [5], hatte sie besucht und überraschte mich nun mit einem Lob dieser Einrichtung. Er hatte nur eins auszusetzen, er sagte: „Es riecht so komisch.“ Gewiß, er dachte sich nichts dabei, er war nur wie viele Andere daran gewöhnt, dann und wann das Wort „komisch“ falsch herauszustellen. Wie etwas komisch riechen kann, das weiß er ganz gewiß nicht, wie es Niemand weiß. Meine Nase nimmt Vieles sehr genau und wird höchst unruhig, wenn sie von einem verfassungswidrigen Duft berührt wird. Aber eine Komik hat sie noch niemals einem solchen Duft abzuriechen vermocht. Meinem Freunde aus der Fremde rochen die Rieselfelder komisch, und ich habe ihn auch nicht gefragt, was er darunter verstehe. Ganz gewiß hätte er meine Frage komisch gefunden, ohne zu wissen, was er mit jenem und diesem „komisch“ sagen wollte. Ohne Zweifel so wie der spleenige [6] Engländer, der den Montblanc erklommen hatte und oben angelangt, nachdem er sich umgesehen, sagte: „Aufrichtig, ich habe es mir komischer gedacht!“ Was er im ewigen Schnee der Montblancspitze Komisches finden wollte, das wußte er keinenfalls.

Hier und da trifft man noch Jemand, der das Wort „komisch“ ernst nimmt. Ich erinnere mich eines Bekannten, mit dem ich auf einem Spaziergang zusammentraf, als ein Herr ihn begrüßte, der zu ihm sagte: „Eben dachte ich an Sie, und da sah ich Sie daherkommen. Ist das nicht komisch?“ Mein Begleiter blickte den Redner etwas verletzt an und erwiderte: „Nein, ich finde es weder komisch, daß Sie an mich dachten, noch kann ich es komisch finden, daß ich daherkomme.“

„Aber,“ versicherte der Angeredete, „das habe ich ja gar nicht so gemeint.“

„Das freut mich,“ sagte mein Begleiter, „aber man soll nicht sagen, was man nicht meint. Ich wäre außer mir, wenn ich komisch erschiene.“

Höchst unverantwortlich werden von der üblen Gewohnheit Personen und Dinge komisch genannt, die Alles, nur nicht komisch sind. Man hört sagen: „Dieser Mensch nimmt das Leben entsetzlich schwer. Die kleinste Sorge macht ihn schlaflos, und er hat doch eine gute Stellung. Ein komischer Kerl!“ Er macht ganz gewiß auf Niemand einen komischen Eindruck, so wenig wie das Wetter, das wir so oft, wenn es schön war, dann regnerisch wird und in anderer Weise seine Vorliebe für die Veränderung an den Tag legt, ein komisches Wetter nennen hören. Man findet ein solches Wetter ganz gewiß nicht komisch, sondern unausstehlich, und dennoch beehrt man es mit einem Epitheton [7], wie etwa die Leistung eines Clown, während dieses sogenannt komische Wetter alle Welt gründlich verstimmt. Als eines schönen Tages — der Herbst hielt gerade eine Generalprobe ab — plötzlich ein Gewitter über Berlin zog, wird man gehört haben: „Mitten im Herbst ein Gewitter. Komisch!“ Hier wollte man entweder „merkwürdig“ oder „unheimlich“ sagen und sagt „komisch“, weil dies Wort für die unpassendsten Gelegenheiten immer gesattelt ist.

Ich erkundigte mich gelegentlich [8] nach dem Befinden eines Freundes, der ans Zimmer gefesselt war. „Ach,“ sagte mir eine Dame des Hauses, „der Patient befindet sich stundenlang ziemlich wohl. Dann befällt ihn wieder ein Fieber, daß wir schrecklich ängstlich werden. Das ist eine komische Krankheit.“ Wie kann man eine Krankheit komisch finden! Mit demselben Recht könnte man das Zahnziehen unter die Cotillontouren [9] einreihen, oder Trichinen für ein Geburtstagsgeschenk halten. Ich stellte denn auch der Dame vor [10], daß ich in dem Zustand meines leidenden Freundes keine Spur von Komik entdecken könne. Nun, sie habe das nicht so gemeint und der Arzt mache auch immer ein sehr ernstes Gesicht. Und mein armer Freund ist nach vierzehn Tagen todt gewesen. Ich habe über diesen Trauerfall mit der erwähnten Dame nicht gesprochen, weil ich fürchten mußte, daß sie mir vielleicht erzählen würde, der Kranke sei vor einigen Tagen aufgestanden, habe sich ganz wohl gefühlt und nun — wie komisch! — sei er dennoch gestorben.

Die Kraft, mit welcher sich dies im Grunde so eindeutige Wort „komisch“ in unsere Rede gedrängt hat, ist die eigentliche vis comica [11].

[Entnommen aus: Julius Stettenheim: Heiteres Allerlei, 1898 (Neuausgabe bei Libera Media).

Anmerkungen

[1] Die im 1893 gegründeten „Bund der Landwirte“ organisierten Agrarier, zumeist adelige Großgrundbesitzer, drängten fortwährend auf Staatshilfen und klagten über ihre Notlage.

[2] disponiert sein: dafür eingenommen sein.

[3] Theater mit Unterhaltungsstücken, Lustspielen und Possen.

[4] Tingeltangel: Varieté, Kleinkunstbühne.

[5] Die Berliner Rieselfelder wurden ab etwa Mitte der 1870er Jahre zur Reinigung der Abwässer von Berlin eingerichtet. Diese wurden durch die neu gebaute Kanalisation dorthin geleitet und versickerten auf den Feldern im Boden.

[6] Spleen: verrückte Eigenart, fixe Idee.

[7] Beiwort, Beiname.

[8] bei Gelegenheit.

[9] Der ab der Mitte des 19. Jahrhunderts beliebte Cotillon war der Höhepunkt jedes Balles. Er bestand aus einer Abfolge von Contretänzen, Polkas und Walzern mit wechselnden Gruppierungen und Spieleinlagen. Dazu gab es Blumenspenden an die Damen, Papierordensverleihungen an die Herren, Knallbonbon-verteilung und anderen Überraschungen.

[10] ihr ein Bild von etwas machen.

[11] komische Kraft.

Hinweis

Bei Libera Media gibt es kommentierte Neuauflagen der Werke von Julius Stettenheim (erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken):

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Die letzten Monate von Da’esch?

Ende März haben wir eine Auswertung vorgestellt, in der wir die Kampfkraft von Da’esch (a.k.a. Islamischer Staat) betrachtet haben.  Geschätzt wurde der Anteil der gewonnenen Gefechte („Schlachten“). Genaueres findet sich im verlinkten Artikel.

Das Ergebnis war, daß Da’esch nur am Anfang eine Quote von etwa der Hälfte gewonnener Gefechte erzielen konnte. Für Welteroberung vielleicht nicht sehr beeindruckend, aber immerhin eine Erklärung, warum der Eindruck entstehen konnte, als wäre man auf einem unaufhaltsamen Vormarsch.

Über die Zeit fiel diese Quote aber sehr stark ab und schlug zeitweise sogar auf der Null auf, d. h. man verlor praktisch jedes Gefecht. Am Ende des Zeitraums (genau genommen keine Zeitskala, sondern eine chronologische Sortierung der Gefechte nach ihrem Beginn) schien es eine kleine Erholung Richtung 30% zu geben.

Wie sich nun herausstellt, war selbst das eine Ente. Das liegt daran, daß es bei der letzten Auswertung einige Gefechte gab, deren Ergebnis noch ausstand. Diese sind mittlerweile entschieden. Und das Resultat ist, daß Da’esch auf dem vorherigen Abwärtstrend weitergemacht hat, ja diesen sogar noch ein wenig beschleunigte. Hier ist eine aktuelle Grafik (zum Vergleich, siehe die alte Grafik im vorherigen Artikel):

Abstieg2

Die Grafik ist so zu lesen: Die blaue Linie zeigt die durchschnittlichen Siege über die letzten Gefechte, aktuell und schon seit einiger Zeit sicher unter 20%, eher 10% (am Ende kann der eben beschriebene Effekt durch laufende Gefechte noch zu einer Korrektur führen). Die rote Linie zeigt eine Mittelung über die blauen Werte, sodaß man effektiv über ein etwas längeres Fenster glättet. Hier sieht man recht gut das Niveau um die 10% am Ende. In anderen Worten: Da’esch verliert von zehn Gefechten etwa neun.

Die schwarze Linie ist eine Gerade, die an die geglätteten Daten angepaßt wurde. Sie hat nur eine illustrative Bedeutung für den doch recht konsequenten Trend nach unten. Theoretisch würde man vielleicht keinen linearen Zusammenhang erwarten. Ein exponentielles Abklingen wäre nicht unplausibel. Oder man könnte sogar vermuten, daß es einen Umschlagspunkt gibt, ab dem die Kampfkraft rasant schwindet. Neben der Ungenauigkeit wegen noch laufender Gefechte sollte man auch noch beachten, daß es auf beiden Seiten sicherlich eine Tendenz gibt, Gefechte, die siegreich sind, stärker zu berichten. Man könnte etwa einen Sieg als mehrere ausschlachten, umgekehrt eine Niederlage in einem Gefecht mit unklarem oder gemischtem Ausgang verbergen (in der Auswertung ausgelassen). Da beide Seiten vermutlich ähnlich ihre Ergebnisse massieren, könnte sich das rauskürzen, wobei Da’esch aufgrund der Lage und der Ausrichtung als Propaganda-Verein allerdings mehr schönen könnte. In dem Fall wären die tatsächlichen Ergebnisse sogar noch schlechter.

Die relativ naheliegende Prognose wäre, daß Da’esch in den nächsten Monaten plattgemacht wird. Das kann natürlich anders kommen, aber das läge bei der Kampfkraft wohl eher an Entscheidungen der Gegner, die vielleicht schon damit zufrieden wären, Da’esch einzukesseln und auszuhungern. Wie im vorherigen Artikel schon aufgezeigt, kann eine solche Lage dazu führen, daß man aus Verzweiflung und, um überhaupt etwas als Sieg verkaufen zu können und Aufmerksamkeit zu bekommen, eher zu Terroranschlägen neigt. Wenn das Rückzugsgebiet gleichzeitig beseitigt wird, sollten die Fähigkeiten da aber auch schwinden. Eher wie bisher: rumballernde Dilettanten mit Hintergrund als gescheiterte Rapper.

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Amerika wird von Einwanderern überschwemmt

[Ohne Titel, als Nachricht im Vermischten]

Neue Freie Presse (Wien), 4. Juni 1880

Im Monat Mai landeten 55,083 Einwanderer in Newyork gegen 18,325 im Mai des Jahres 1879. Für die fünf Monate dieses Jahres beträgt die Zahl der Einwanderer 135,336.

Anmerkungen

  • Die USA haben 1880 eine Bevölkerung von 49,4 Millionen Einwohnern, davon etwa 6,6 Millionen, die im Ausland geboren sind (13,3%) und unter diesen knapp 2 Millionen in Deutschland (4,0%).
  • Im Jahr 1880 erhalten 457.257 Menschen dauerhaften Aufenthaltsstatus (0,9% der Bevölkerung). Gerade die Einwanderung aus Deutschland steigt in den nächsten Jahren massiv an, sodaß in der ersten Hälfte der 1880er Jahre etwa eine Million Deutsche kommen, mit einer Spitze 1881.

Siehe auch:

Hinweis

Bei Libera Media gibt es kommentierte Neuausgaben zur historischen Diskussion über Freizügigkeit und Asylrecht (erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken):

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Republikaner können sich nicht auf ihren Kandidaten einigen

Berliner Börsen-Zeitung, 3. Juni 1880

Chicago, 2. Juni, früh. (C. T. C.) Wie verlautet, würde Senator Cameron Präsident des republikanischen Nationalcomités bleiben; die Frage ob die Delegation eines jeden Staates als geschlossene Einheit zu stimmen habe, würde der Entscheidung der Convention unterbreitet werden. Auf den Rath des Senators Conkling, das Mandat der New-Yorker Staatsconvention zur Ausführung zu bringen, beschloß die New-Yorker Delegation mit 45 gegen 23 Stimmen, als Einheit zu stimmen. Conkling verwies diejenigen, welche mit dieser Resolution nicht einverstanden sein sollten, auf eine an die Convention zu richtende Appellation. Die Delegirten von Pennsylvanien beschlossen, als Einheit zu stimmen, obschon 23 derselben einen Protest gegen die Ernennung Grant’s unterzeichnet haben. Bei einem von den Anhängern Grant’s abgehaltenen großen Meeting empfahl Conkling Standhaftigkeit und Ausdauer, die Ernennung Grant’s sei in diesem Falle gewiß. Grant sei der stärkste von allen Candidaten und werde auch von den Deutschen unterstützt werden. Senator Logan empfahl geichfalls Festigkeit, die Ernennung Grant’s sei bei der ersten oder zweiten Abstimmung zu erwarten.

Hintergrund

Es läuft dann aber ganz anders. Am 2. Juni 1880 beginnt in Chicago die Versammlung der Republikaner, um den Präsidentschaftskandidaten zu bestimmen. Ex-Präsident General Ulysses S. Grant hat die meisten Delegiertenstimmen, aber keine Mehrheit. Seine Hauptrivalen sind James G. Blaine und John Sherman, der Bruder von General William Tecumseh Sherman. Da sich ein unentschiedener Ausgang der Wahl ankündigt, wird darum geworben, daß die Delegierten für die einzelnen Staaten nicht im Block, sondern unabhängig stimmen dürfen. Das hilft aber alles nichts. Die Konvention dauert noch bis zum 8. Juni 1880 und hat bei der 36. Abstimmungsrunde ein zu Anfang völlig unerwartetes Ergebnis (Quelle: Wikipedia):

On the first ballot, Sherman received 93 votes, while Grant and Blaine had 304 and 285, respectively. With 379 votes required to win the nomination, none of the candidates was close to victory, and the balloting continued. After the thirty-fifth ballot, Blaine and Sherman switched their support to a new „dark horse“ candidate, James Garfield. On the next ballot, Garfield won the nomination by receiving 399 votes, 93 higher than Grant’s total. Garfield’s Ohio delegation chose Chester A. Arthur, a Stalwart, as Garfield’s vice-presidential running mate. Arthur won the nomination by capturing 468 votes, and the longest-ever Republican National Convention was subsequently adjourned.

James Garfield gewann die Wahl später im Jahr 1880 und wurde Präsident. Für ihn war das allerdings ein verhängnisvoller Sieg. Weniger als ein Jahr später wurde er von einem Verrückten erschossen. Siehe dazu:

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Der gerochene Elephant

von Alexander Moszkowski

[1]

O seht! in scharfem Trabe durch tiefen Wüstensand,

Wer ist es, der dort rennet? es ist der Elephant!

Ihn hetzt ein wilder Jäger auf seinem guten Roß,

Im Flintenlaufe hält er das tödliche Geschoß.

Sag’ an, Du wilder Jäger, was hetzt Du dieses Tier

Quer durch die große Wüste bis an das Waldrevier?

Eh’ ich das Tier getroffen, erjag’ ich keine Ruh’,

Ich muß sein Fell besitzen und seinen Zahn dazu!“

Am Uferrand des Waldes zertritt mit großem Lärm

Das Unterholz, das morsche, der dicke Pachyderm [2];

Da kracht das Rohr — getroffen sinkt hin der Elephant,

Zum Himmel schmerzdurchfeuchtet sein Auge ist gewandt.

„Weh’ Dir, verruchter Jäger, der Du mich strecktest hin,

Es werde meine Beute Dir nimmermehr Gewinn,

Aus dem Gebein, o Jäger, das Dir erschien so schön,

Soll Kummer Dir und Schrecken für alle Zeit entsteh’n!“

So hat das Tier trompetet— der Himmel hat’s gehört;

Der Jäger mit der Beute hat Afrika durchquert,

Nach Hamburg kam er schließlich, wo er der Zähne Pracht

Mit Hilfe eines Maklers zu eitel [3] Golde macht’.

Und manche Jahre später, klein Elsbeth wuchs heran,

Des wilden Jägers Tochter, der soviel Geld gewann,

Es war der süße Backfisch [4] der Mädchenschule Zier,

Klein Elsbeth konnte singen und spielte auch Klavier.

Frühmorgens schon um sechse brach der Spektakel [5] los,

Da übte sie Etüden [6], gleich einen ganzen Stoß;

Im Bett’ lag noch der Vater, der fluchte, schrie und keucht’,

Weil ihm den Morgenschlummer der Tochter Spiel verscheucht.

Und eine Geisterstimme vernahm er jedesmal:

Nun leidest Du, o Jäger, die größte Höllenqual;

Wie ich es einst verkündet, so ist es nun gescheh’n,

Mir sollten meine Rächer im Tastenwerk [7] entsteh’n;

Aus meinen Überresten entstand das Instrument,

Das Deine Seele peinigt und Deine Nerven brennt,

Des Elfenbeines wegen schufst Du mir Todespein —

Zur Folter ist geworden Dir selbst mein Elfenbein!

 


Anmerkungen

[1] „gerochen“: falsches Partizip zu „rächen“, das häufig ungebildeten, aber rachsüchtigen Menschen in den Mund gelegt wird.
[2] Dickhäuter.
[3] Hier im Sinne von: ganz reines.
[4] Junges, unreifes Mädchen; der Begriff bezeichnete urspünglich zu junge Fische, die nach einer Erklärung „back“ in das Meer geworfen werden oder nach einer anderen nur zum Backen taugen.
[5] Lärm, Krach.
[6] Übungsstücke.
[7] Die Tasten wurden aus Elfenbein hergestellt.

Entnommen aus:

Alexander Moszkowski: „Anton Notenquetscher’s Heitere Dichtungen“ Erstveröffentlichung 1894 (Neuausgabe bei Libera Media):

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Weitere Bücher von Alexander Moszkowski bei Libera Media
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Absetzung des Sultans vom Khalifat?

Neue Freie Presse (Wien), 2. Juni 1880

Auf der Pforte soll man wegen der noch vor einigen Tagen aus Mesopotamien eingelangten Nachrichten über die Ausbreitung des Aufstandes unter den Muntefiks in um so größerer Besorgniß sein, als seitdem die  telegraphischen Verbindungen mit Mesopotamien unterbrochen wären. Nach den letzten von dort vorliegenden Meldungen beabsichtige ein großer arabischer Scheikh, die Absetzung des Sultans vom Khalifat zu proclamiren.

Erläuterungen

  • Pforte: Sitz des Sultans, im übertragenen Sinne: Regierung des osmanischen Reiches.
  • Mesopotamien: Zweistromland, Teil des osmanischen Reiches, heute Irak. Speziell ist hier in der Nachricht das Gouvernement Dhi Qar im Süden des Irak mit der Hauptstadt Nasiriyah gemeint.
  • Muntefiks: der schiitische Stamm der Muntefik (türkisch auch: Müntefik, arabisch: Muntafiq), dessen führender Clan, die Shebib-Sa’dun allerdings Sunniten waren und der auch in den Romanen von Karl May erwähnt wird.
  • Khalifat: der Sultan war auch Kalif (Nachfolger des Propheten), er wird es auch noch eine Weile bleiben, denn das Kalifat wurde erst am 3. März 1924 von Mustafa Kemal Atatürk abgeschafft.
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