Treue gegen den König

Provinzial-Correspondenz, 29. Juni 1881

Die Flugblätter, welche die Fortschrittspartei zu den Wahlen versendet, zeigen in letzter Zeit einen großen Eifer, die königliche Denkungsart und die Religiosität der Fortschrittspartei recht hervorzuheben. Mit gesperrter Schrift wird auf dem ersten Aufruf der Partei wiederholt: „wir sind einig in der Treue für den König“, und eine andere Stelle jenes Aufrufs soll die religiöse Gesinnung beweisen.

Offenbar ist es darauf abgesehen, die königstreuen und gottesfürchtigen Bürger und Bauern darüber zu beruhigen, daß sie durch die Wahl von Fortschrittsleuten und ihren Genossen nicht etwa unsere höchsten Güter, Königthum und Altar gefährden. Von letzterem soll ein ander Mal die Rede sein; für heute nur von der Königstreue.

Was lehrt uns davon die Geschichte der Fortschrittspartei? Die Treue gegen den König steht allerdings im Programm der Fortschrittspartei, etwas Anderes ist aber, wie sie die Treue seither gehalten und bewährt hat.

Zunächst seien hier die sich bekämpfenden Aeußerungen demokratischer Zeitungen und die Worte eines Frankfurter offen demokratischen Blattes erwähnt, welches jene Versicherungen der Fortschrittsleute einfach Lügen straft. Der Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst hatte nämlich vor seinen Wählern gesagt: die Fortschrittspartei sei im Herzen republikanisch gesinnt. Darüber entbrannte anscheinend großer Zorn der Fortschrittsleute und eine Berliner fortschrittliche Zeitung versicherte, der „Preußische Mensch“ könne nicht Republikaner sein, denn er sei durch und durch Hohenzollernsch. Es ist allerdings schon lange ein Räthsel, wie der „Preußische Mensch“ jene und andere Fortschrittszeitungen lesen kann, ohne täglich Wider- willen zu empfinden.

Jene demokratische Zeitung sagte nun auf die Aeußerung des Berliner Blattes, das sei nichts als „politische Heuchelei“, die Fortschrittspartei erstrebe die parlamentarische Herrschaft, die mit unserem Königthum unverträglich sei. Zugleich wurde auf 1848 und die Konfliktszeit hingewiesen, wo die Fortschrittspartei nicht einmal habe aufstehen wollen, wenn das Hoch auf den König ausgebracht worden sei und wo ihre Anhänger, wenn „Heil Dir im Siegerkranz“ gesungen wurde, mit besonderer Hervorhebung nur die Stelle sangen, wo die Rede davon sei, daß nicht Roß noch Reisige die steile Höhe schützen, wo Fürsten stehen. Die Art, wie man sich jetzt gegen jenen Vorwurf zu verwahren suche, zeige blos ein böses Gewissen, und es wird dann ein Wort zitirt, welches es für List, Trug oder Schwäche erklärt, wenn die echten Freiheitsfreunde „Anhänglichkeit für den Fürsten heucheln“.

Das fortschrittliche Berliner Blatt findet es nun gar nicht „zweckmäßig“, daß man an solche Dinge erinnere gerade in einem Augenblicke, wo es gelte, alle freisinnigen Elemente zusammenzufassen. Jene Vorgänge habe „die Natur der Zeitverhältnisse“ so mit sich gebracht, aber die Fortschrittspartei habe doch damals „das freisinnige Bürger- und Bauerthum“ für sich gehabt, dessen Liebe zum Königthum in Preußen eine „berechtigte Eigenthümlichkeit“ sei.

Das fortschrittliche Blatt übersieht hierbei, daß das freisinnige Bürger- und Bauerthum sich eben deshalb 1866 von der Fortschrittspartei abgewandt hat, weil es einsah, daß die Liebe zum Königthum sich mit der Politik jener Partei nicht verträgt. Damit es sich nicht noch einmal darüber täuschen lasse, wird es gut sein, noch an einige Thatsachen aus der Geschichte der Fortschrittsvartei zu erinnern.

Man kann der Wahrheit gemäß behaupten, daß die Fortschrittspartei seit ihrer Gründung keine Gelegenheit vorbeigelassen hat, das Königthum zu schwächen, und wenn es nach ihr gegangen wäre, so wäre unser Königthum, wenn es überhaupt noch bestände, doch aller Rechte, aller Macht und alles Einflusses beraubt.

Die Fortschrittspartei hat ihre Wirksamkeit damit begonnen, daß es die Männer, welchen der König zuerst sein Vertrauen schenkte, das Ministerium der sogenannten neuen Aera, stürzte.

Die Treue gegen den König, wie sie die Fortschrittspartei übt, hat sich aber in der folgenden denkwürdigen Zeit, in den vier Jahren des Streites um die Heereseinrichtungen in klarster Weise gezeigt. Wir hätten die ganze traurige Zeit und den vierjährigen Stillstand der staatlichen Entwickelung und allen wahren Fortschritts nicht zu beklagen gehabt, wenn es damals jener Partei nicht gelungen wäre, das Volk über ihr wirkliches Wesen zu täuschen und so die Herrschaft im Abgeordnetenhause an sich zu reißen.

Daß die neuen Heereseinrichtungen dem König persönlich am Herzen lagen, das wußten die Fortschrittsleute vom ersten Tage an. „Ich halte fest an den Ueberlieferungen Meines Hauses, sagte der König, wenn ich den vaterländischen Geist Meines Volkes zu heben und zu stärken Mir vorsetze. Möge es Mir unter Gottes gnädigem Beistand gelingen, Preußen zu neuen Ehren zu führen.“ Es gehört zwar zu den sogenannten parlamentarischen Fiktionen (Einbildungen), daß Thronreden nur von den Ministern herrühren, aber kein Minister der Welt könnte so von „den Ueberlieferungen des fürstlichen Hauses“ sprechen und das Land zu neuen Ehren führen wollen, wenn eben hier nicht der Fürst mit seinem persönlichen Denken und Trachten bezeichnet wäre.

Um den Gegnern gar keine Ausrede zu lassen, bezeichnete der König die neuen Heereseinrichtungen als sein eigenstes Werk und als seinen Stolz und rief ausdrücklich die Treue seines Volkes an, um sein Werk zu erhalten. Die Fortschrittspartei aber machte aus dem Militärstreit noch einen Verfassungsstreit. Vergeblich versicherte der König und zwar der König persönlich, daß ihm Nichts ferner liege, als die Rechte des Abgeordnetenhauses zu mißachten oder zu verletzen, vergeblich bat er, ihm das Werk der Verständigung zu ermöglichen, das seinem Herzen Bedürfniß sei, vergeblich wies er auf sein Streben für das Wohl des Volkes, auf Preußens glorreiche Geschichte hin, welche auf dem treuen Zusammenhalten von König und Volk beruhe, — das Abgeordnetenhaus, dessen Mehrheit damals aus Fortschrittsleuten bestand, wollte es dem König eben unmöglich machen, das Werk, welches er zum Heile des Volkes unternommen hatte und das einer seiner höchsten Ruhmestitel in allen Zeiten sein wird, durchzuführen.

Ueberhaupt wollte die Fortschrittspartei die persönliche Stellung des Königs zum Heere, die allen Monarchen von Preußen und besonders unserem König Wilhelm so sehr am Herzen lag, nicht leiden: an die Stelle des Königlichen Heeres sollte „das Heer hinter dem Parlamente“ treten, das seine Befehle von der Fortschrittspartei erhalten sollte.

Und wenn der König seinen Ministern gesagt hatte, Preußen müsse eine geachtete Rolle in Europa spielen, so sagte dagegen der sogenannte Fortschritt: man solle Preußen „den Großmachtstiizel austreiben“.

Zu diesem Zweck mußte noch ein weiteres Recht des Königs, sein Recht über Krieg und Frieden angetastet und in Frage gestellt werden. Bei Gelegenheit der schleswig-holsteinschen Frage kam dies zuerst und am schärfsten zum Ausdruck. Bekanntlich bekämpfte damals die ganze Fortschrittspartei die Politik des Ministeriums Bismarck. Der König freilich versicherte, es seine Politik, die man angreife, er bezeichnete sie ausdrücklich als das Ergebniß seiner persönlichen reiflich erwogenen Entschließungen, er trat persönlich als Bürge dafür ein, daß jene Politik nur der Ehre Preußens dienen solle. Ein Zweifel daran widerspreche dem Vertrauen, welches das preußische Volk in das Wort seiner Könige zu setzen gewohnt sei. Der König beklagte es, daß man so thätig sei, das Volk zu verwirren und ihm das schwerste Opfer aufzuerlegen, das einem König auferlegt werden könne, ihm die Liebe und das Vertrauen seines Volkes zu entziehen., Herr von Bismarck sagte, die Fortschrittspartei wolle die Minister von Ministern des Königs zu Ministern des Parlaments machen und die Politik des Königs im Bunde mit dem Auslande bekämpfen.

Aber die Fortschrittspartei blieb dabei, daß das Ministerium Bismarck nach seinen Leistungen des Vertrauens nicht würdig sei, und verlangte vom König wiederholt einen Wechsel der Personen und des Systems. Die Regierungsweise des Königs wurde geradezu als Absolutismus gebrandmarkt.

Das war die Königstreue der Fortschrittspartei, so lange sie die Mehrheit im Abgeordnetenhause hatte. Als aber das Jahr 1866 mit seinen Siegen und mit der glänzenden Bewährung der lange angefochtenen Politik des Königs und seines Ministeriums gekommen war, da sagte das Volks sich von jener Partei los und sie sank zur verdienten Ohnmacht herab. „Die sträflichen Versuche, welche nach des Königs eigenem Wort aus Lockerung des Bandes der Treue und des Vertrauens zwischen König und Volk gerichtet waren, waren gescheiterte, und es wurde das Wort des Monarchen wahr: „In meinem Herzen steht der Glaube an die treue Anhänglichkeit des preußischen Volkes an sein Königshaus zu fest, als daß er durch die Worte (der Fortschrittspartei) erschüttert werden könnte.“

So mögen denn Alle, welche den König verehren und ihm Treue erweisen wollen, sich auch des Wortes desselben erinnern:

„Ein feindliches Verhalten gegen meine Regierung läßt sich mit der Treue gegen meine Person nicht vereinigen.“

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