Zur Rede von Graf Bismarck

Allgemeine Zeitung des Judenthums, 19. Juli 1881

Berlin, 5. Juli. (Privatmitth.) Von hier haben wir jetzt glücklicher Weise wenig zu melden. Die außergewöhnliche Sommerhitze kühlt die Gemüther ab und läßt die winterlichen Wallungen in den Köpfen nicht aufkommen. So schleichen die antisemitischen Agitationen nur langsam vorwärts. Gewiß haben auch schon einige Geschäftstreibende in dieser Branche verspürt, daß es nicht viel mehr in ihr zu verdienen giebt, namentlich was buchhändlerische Spekulationen sind. Auch erscheint es jetzt dem Führer nothwendig, mit ihrem eigentlichem Zwecke, conservativen Wahlen hervorzutreten, und da muß der Antisemitismus sich damit begnügen, nur eine schwächere Nebenfarbe in dem schillernden Regenbogen der Reaction auszumachen. Das Tagesereigniß der vorigen Woche war die Rede des Grafen Wilhelm Bismarck in einer streng conservativen Versammlung eins Wahlbezirks am Halleschen Thore. Er erschien daselbst mit seinem Bruder und seinem Schwager, also mit der ganzen männlichen Nachkommenschaft des Reichskanzlers. Wir haben seine Rede hier nicht zu kritisiren und bemerken nur, daß dieselbe mehrere Male von dem Rufe „Juden“ und „Hepp, Hepp“ unterbrochen ward, ohne daß der Redner sich dadurch verleiten ließ, sich für oder gegen die Antisemiten auszusprechen. Daß er sich den „Spaß“ machte, „Lasker, Bamberger, Forckenbeck“ sich als „Exellenzen“ vorzustellen, konnte er sich wohl schon gestatten, da er dabei die beiden Juden in so guter Gesell- schaft nannte, wie es seinem Vater nicht ergeht, wenn er in den Hochs der antisemitischen Versammlungen mit Henrici und Ruppel zusammen genannt wird. Uebrigens hat er eine Wiederlegung Seitens Eugen Richters erhalten, dessen Rede, ein Meisterstück der politischen Beredsamkeit, den Gegner geradezu vernichtete. Man kann sie in der „Voss. Zeitung“ vom Sonntag den 3. nachlesen.

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